Wahre Geschichte

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Zu 81,5% wahre Geschichte

von

Claudia Podehl

italiano

Ich bin.
Wie bitte?
Ich bin.
Und was bin ich?
Ich.
Ah.
Ein des Zweifels fähiger Wille.
Donnerwetter! Und was ist ein Zweifel?
All die Fragezeichen da oben.
Oh, das prickelt! – Und nun?

Spindeldürr sieht sie mich. Aber sie sieht mich. Von da drüben, im Jenseits. Umgeben von feurig flirrenden Fragezeichen. Beunruhigenden. Unverständlichen. Dunkel. Nein, es ist nicht dunkel, sondern nebelig. Aber da ist auch Licht.

Da ist sie schon wieder. Und diese Musik. Wiesen voller Blumen, und ich schwebe darüber hin und her. Wie wunderbar. Rauf! Runter! Eine Kurve. Ich kichere. Ich tanze. Avatar. Und sie beobachtet mich. Glückseligkeit!

Aber sie ist ja gar nicht meine Mutter. Das ist die andere da. Ich will auf ihren Kopf, mich darauf legen. Oder drüber schweben.

Aber das geht nicht. Da kommt mir eine Strömung  entgegen. Warum?

Ich bin unglaublich traurig. Ich weine verzweifelt. Weinen ist eine Befreiung. Aaahh! Schluchzen. Das entlädt. –  Nur löst es das Problem dieses verdammten Gegenstroms nicht. Ich heule in Strömen und schluchze.

Aber da ist ja wieder Kata.

Wie bitte????

Kata sagt, ich soll aufhören??!! – Aufhören womit?

Zu weinen, sagt sie. Wenn ich auf die Welt kommen will, dann muss ich mich in Bewegung setzen, sagt sie.

So ein Rückschlag! Bin ich wieder in der Glibbermasse? Nein, sonst könnte ich ja gar keine Fragezeichen setzen. Aber wo bin ich denn? Es ist stockdunkel.

Ich soll mich in Bewegung setzen, hat sie gesagt. Hm? Hier im Dunkeln? Wenn ich doch nur etwas sehen könnte!

Aber ich sehe Katas Füße. Was mögen Füße sein?

Das muss etwas mit dem “spindeldürr“ zu tun haben, von dem Kata sprach. Was bedeutet „spindeldürr“? Etwas kleines, winziges. Würde Kata sagen. Vielleicht. Etwas Unzureichendes. Und was bedeutet unzureichend? Das es eben nicht reicht. Aber an Katas Füßen bewegt sich was.  Und das kommt bis hierher zu mir.

Ach so, das sind die Hände von Filo. Und was machen die? Die bearbeiten Katas Füße. Das muss irgend etwas mit der Materie zu tun haben.

Und da will ich hin! –  Wirklich? – Oh, ja, ich will Materie bewegen! Nicht mich bewegen, sondern die Materie. –  Wie komme ich auf so sonderbare Ideen? 

Irgendetwas bewegt mich fort, eine ganz feine Anziehungskraft. Ganz langsam. Zieht sie mich weg. Es wird heller. Ich komme aus dem Dunkel raus. Ich gleite. Wie wunderbar! Auf einem fliegenden Teppich. Ja, da ist er, Filos Kopf.

Die Strömung ist weg. Das heißt, nein, sie ist noch da, es ist diese Strömung, die mich nun fortzieht. Zu ihr hin.

Ich bin auf ihrem Kopf! Dort wollte ich doch hin!

Oh Gott, ich kann mich sogar darauf legen. Darauf zusammenkauern. Ich verschränke die Arme. Nanu? Ich habe auch Arme? Und ich kann meinen Kopf darauf legen. Schräg. Göttliche Harmonie. Vertrauen. Zuversicht.  In ein Leben aus Materie.

Und nun sieht auch Kata mich wieder. Auf Filos Kopf. Sie staunt. Sehr. Na klar, sie hatte mich ja im Nichts verschwinden sehen.

Filo ist mit mir auf dem Kopf fortgegangen. Wie wunderbar! Sie wiegt mich. Lächelnd. Unbeschwert.

Und nun kommt auch Kata. Sie geht zu Fuß. Ah, dazu braucht man Füße. 

Und Filo erzählt ihr, sie habe sich so wunderbar entspannt. Und da wundert sich Kata wieder, glücklich: Wirklich entspannt? Fragt sie. Und tut so, als ob sie von nichts etwas wüsste. Denn Filo weiß ja nicht, dass Kata mich sieht, dass sie mich ausgeschimpft hat. Und dass ich nun auf ihrem Kopf kauere. Nein nein, Kata sagt kein Wort. Aber ich sehe, wie sie mit stürmisch klopfendem Herzen fortgeht. Was ist ein Herz?

Nun bin ich wieder auf der Wiese mit der Musik. Ich weiß nicht so recht, was ich will. Mir geht es gut. Kata ist wieder da, sie sieht mich, scheint etwas unschlüssig.

Auaaaa!! Verdammt noch mal, so ein Schubser! So ein Schreck! Ich wäre ja beinahe umgefallen!

Kata schimpft den Jungen da aus – wie sie ihn nennt –, der gerade aus der Glibbermasse gekommen ist und mich von hinten geschubst hat. Das war schlimm. Der ist ziemlich groß und kräftig. Und Kata sagt, dass die Männer eben alle gleich sind. – Was ist ein Mann?

Wenn du immer nur hier stehen bleibst, dann kann ich da auch nicht raus, verdammt noch mal!!! Du versperrst mir den Weg!  Verstehst du das denn nicht??!!! Brüllt der Junge. Nun geh endlich!!!!

Der Ärmste, der ist ja gerade erst aus der Glibbermasse gekommen. Aber der müsste doch eigentlich auch ein paar Fragezeichen setzen, oder? Aber der scheint gar keine Zweifel zu haben, der weiß genau was er will.

Ja, was machen die Zwei denn da, zum Schießen komisch! Und der andere da, wer ist denn das? Kata hatte das letzte Mal gesagt, Filo sei so weit. D.h., das hat sie natürlich nicht gesagt, sie spricht ja nicht. Sie hatte das gedacht, als sie Filo ins Gesicht sah. Ich habe nämlich begriffen, dass Wesen aus Materie den  Mund bewegen,  und dann versteht der andere das auch, aber sie können auch nur denken,  und dann weiß der andere davon nichts. Er weiß zwar, dass du denkst, aber nicht, was. Wir beide verstehen die Wortseele, sagt Kata.

Also ich muss andauernd kichern, diese unglaubliche Menge von krausen Haaren; und da ist dann auch noch eine andere Materie bei Filo. Ob die vielleicht ein Mann ist? Und da geht‘s ja unglaublich zu um diesen Berg voller krauser Haare. Was machen die beiden denn da? Hihihi! Kata!! 

Rein mit dir! Da rein! Hat Kata mir verordnet. Ich kichere weiter und gehorche. 

Stockfinster ist es. Kata müsste eigentlich da sein, denn Filo bewegt sich, wie wenn Kata bei ihr ist. Aber hier kann man sich ja überhaupt nicht bewegen. Ich bin vollkommen zusammengepresst. Kata!! Hörst du mich?

Sie antwortet nicht. Offensichtlich kommt meine Wortseele durch diese Materie nicht durch. Kata!!??!! – Nichts.

Also, das ist schon erstaunlich, diese Materie. Eine verdammt schwere Masse. Aber was man da alles spürt!!! Und raus komme ich praktisch auch nicht mehr. Nur ein bisschen. Ein kleines Stück von mir ist rausgekommen. Aber eigentlich bin ich noch da drinnen. Aber auch hier draußen, weil ich singen will. Ja, ich singe!!! Mit der Musik, die immer gespielt wird, wenn Kata bei Filo ist. Meine Mutter. Jetzt höre ich sie echt, Tonwellen sind das. Und ich siiiiiiinge! Sopran, sagt Kata. Ja Kata, Sopran, die Königin der Nacht. Oder noch toller. 

Kata ist wieder zu Filo gekommen. Als sie die Kräuselhaare sah, hatte sie irgendwie gerechnet, dann sagte sie etwas vom 12. Februar. Was mag ein Februar sein? Und zwölf? Aber ich sehe Kata und Filo, die miteinander sprechen, d.h. nein, ich höre sie! Jawohl, mit den Ohren. Das ist wahnwitzig aufregend. Und Kata fragt Filo, ob sie ihr nicht etwas sagen wollte.

Diesmal schweigt meine Mutter. Sie sagt nichts. Diese Gaunerin.

Aber am Schluss muss sie ihr doch etwas gesagt haben, so etwas wie Tage kommen nicht, oder so.

Und nun schweigt Kata. Als Filo sich von ihr verabschiedet, nachdem sie ihr die Füße massiert hat, sehe ich Kata mit Tränen in den Augen. Nasse Tränen. Aus Materie.

Wenn ich das recht verstehe, ist Kata heute zum letzten Mal zu Filo gekommen. Sie ruft mich. Und sie fragt mich, wie die Materie denn nun sei. Ihr durch die Materie hindurch zu antworten kostet unglaublich viel Kraft. Materie bewegen ist verdammt anstrengend, ermüdend, da wird man wahnsinnig; ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was man alles falsch machen kann, wenn man Materie bewegen will. Ich schlafe andauernd, weil ich so müde bin. Aber was ist Schlafen für eine wunderbare Sache! Entspannen, entschweben, die Sinne verlieren. Nach all diesen materiellen Mühen. Ahhh. – Aber dann geht das Abenteuer gleich wieder los, neue Empfindungen, Töne,  Gerüche (was das sein soll, weiß ich nicht, aber aufregend ist es), Licht, Bewegungen, schaukeln mit den Bewegungen im Bauch meiner Mutter.  Schwerkraft. Herzklopfen. Jetzt weiß ich auch, was ein Herz ist. Ich habe nämlich auch eins, und das ist immer aufgeregt. Bum bum bum. Welch ein Wunderwerk.

Ja, also Kata, ja, ich kann die Materie empfinden. Ich bin in der Materie drin. 

Sie fragt mich, welche dieser Empfindungen am schönsten ist.

Das Berühren, antworte ich. 

Was fühlst du denn? Fragt sie mich.

Wärme, Prickeln, Reibung, Ertasten, die Nähe des anderen, das nicht ich bin. Erzittern.

Und nach einer Weile verstehen wir beide: die Berührung mit meinem Bruder. Denn der ist auch hier.  Das hatte ich gar nicht gemerkt. Auch er ist hier reingegangen, ohne Kata zu fragen, was er machen sollte. Er brauchte keine Katalysatorin. 

Dann seid ihr Zwillinge, sagt Kata. Du und dein Bruder. Na dann, alles Gute.

PostScriptum
Den Anfang und das Ende dieser Geschichte habe ich später dazugedichtet, eben, damit es überhaupt eine Geschichte werden konnte. Ich habe zwar nachgefragt, ob es aber wirklich so gegangen ist, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob diese grazile, arg träumerische kleine  Königin der Nacht es wirklich geschafft hat, sich voll und ganz in die Materie einzubringen. Ich sah Blut, wollte es nicht sehen, schob es weg, meinte, ich spinne.  Nur, Filo ist verschwunden, ich kann sie nicht mehr fragen. Vielleicht hat ja der kräftige, nicht von Zweifeln geplagte Junge die viel Realismus abverlangende Symbiose mit der Materie durchgeboxt. Ich hoffe es sehr. 
Für Filo.

Kata

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© Claudia Podehl

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