Peters Kommentar von 2005

Politik und Märchen

2005 hielt Peter Podehl vor den Studenten der politischen Wissenschaften an der Universität Rom La Sapienza einen kurzen Vortrag zum Film, der gleich darauf gezeigt wurde.

Er diente den Studenten in erster Linie als Deutsch-Übung.

Hier seine kurze Einführung

Anmerkungen zum Film

DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK

Das war eine sehr aufwändige, große Filmproduktion der staatlichen ostdeutschen Defa. Produktionsjahr 1953. Der berühmte Wolfgang Staudte führte Regie und schrieb mit mir nach meinen umfangreichen Vorarbeiten das Drehbuch. Ich war auch sein Regieassistent und lernte außerordentlich viel für mein weiteres Berufsleben. Mein damals elfjähriger Stiefsohn Thomas Schmidt spielte die Hauptrolle.

     Der ganze Film hat eine Laufzeiut von 100 Minuten. Man kann eine längere Episode – über die Kriegs- und Friedensspiele des Sultans – separat vorführen, was freilich schade wäre.

     Die literarische Vorlage ist das gleichnamige Kunstmärchen – im Gegensatz zu den deutschen Volksmärchen, wie die Brüder Grimm sie sammelten – von Wilhelm Hauff (1802-1827)

     Die Episode mit den Kriegs- und Friedensspielen des Sultans stammt nicht von Hauff. Sie wurde von den Drehbuchautoren erfunden, um die Zauberpantoffel, mit denen Muck unglaublich schnell laufen kann, dramaturgisch augenfällig zu machen. Er ist zum Oberleibläufer des Sultans ernannt worden…

     Der Vorwurf, es sei politisch tendenziös gewesen, der DDR, die ja bei mächtiger Kriegsaufrüstung gleichzeitig einen zuweilen fatalen propagandistischen Friedenswillen heuchelte, zu dienen, lässt sich nur mit einem Satz entkräften: Ein Plädoyer für  den Frieden ist nie falsch. Es hat in dem Film auch nicht im Geringsten mit Heuchelei zu tun. Überempfindlichen Seelen, die dennoch Anstoß nehmen, weiß ich nicht zu helfen.

     Der Film wurde ein Welterfolg, hauptsächlich in allen Ostblock-Ländern. Aber er katapultierte mich samt Familie aus der DDR in den Westen. Und das kam so:

     Alle in der Defa waren high ob des großen Erfolges. Man bot mir an, ein weiteres Märchen-Drehbuch zu schreiben: DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN.

     Zur Erinnerung: Der Schelm von einem Schneiderlein erschlägt mit einem Schlag sieben Fliegen und stickt auf seinen Gürtel ‚Siebene auf einen Streich‘. Alle, die das lesen, sollen denken, er habe sieben Ritter auf einen Streich erschlagen.

     Ich leistete viel Vorarbeit am Schreibtisch: Skizze, Exposé, Szenarium. Eines Tages wurde ich mit dem stoffführenden Dramaturgen, Dr. Helmut Spieß, nach Pankow bestellt. Pankow ist ein Stadtteil von Ost-Berlin und war der Sitz vieler Regierungs- und Partei-Institutionen, nicht jedoch Sitz der volkseigenen Film-Firma Defa. Ich hätte politisch auf der Hut sein sollen, ich war aber nicht auf der Hut und antwortete auf die Frage, warum denn das Schneiderlein ‚Sieben auf einen Streich‘ auf seinen Gürtel stickt: „Das ist eine ungemein liebenswürdige Hochstapelei.“ Das war sehr unklug geantwortet, ich hatte die politische Falle, die sich hinter der Frage verbarg, nicht zur Kenntnis genommen.

     „Nein! Niemals!“ Empörter, vehementer Widerspruch der Parteifunktionäre: „Der Mann aus dem Volke, der König wird, ist nie und nimmer ein Verbrecher und Hochstapler!“ Und dann kam der schlimmste Satz: „Das tapfere Schneiderlein ist Wilhelm Pieck.“ Das klingt natürlich im Jahre 2005 in der Sapienza in Rom überhaupt nicht schlimm. Weiß denn Jemand von Ihnen, wer Wilhelm Pieack war? Der amtierende Präsident der ostdeutschen Demokratsichen Republik, ein gelernter Tischler. Wohlgemerkt: Nichts gegen einen Tischler als Staatspräsidenten. Aber alles gegen ein tapferes Schneiderlein, das aus politischen Gründen kein Frechdachs und kleiner Hochstapler sein darf!

     Ich fuhr nach Hause und sagte zu meiner Frau: „Charlotte, pack die Koffer. Hier wird das nichts mehr.“ Das klingt jetzt witzig-pointiert, stimmt aber nicht ganz: der Kofferpacker in der Familie war ich. Sieben Schutzengel breiteten ihre Flügel aus und geleiteten uns ohne Not nach München. (Es müssen sieben gewesen sein, weniger hätten das nicht geschafft.) 

     Ich habe meiner Frau gegenüber noch ein anderes Wort benutzt, das möglicherweise in Ihrem deutschen Wortschatz fehlt. Ein etwas altertümliches Wort, voller Nostalgia: „Hier,“ habe ich gesagt, „hier gedeih ich nicht.“ Gedeihen, das im heutigen Deutsch eher noch im Zusammenhang mit dem Leben von Blumen gebraucht wird, Gedeihen würde sich ab heute gut machen in Ihrem deutschen Wortschatz.

     Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und will gerne Fragen beantworten.

© P.P.