Warum denn Kinderfernsehen?

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Warum denn Kinderfernsehen?

20/11/2022 by ppadmin Edit

Schauspieler sind Menschen, die rechtzeitig ein Stück Kindheit in die Tasche gesteckt haben und ein Leben lang davon zehren. (Max Reinhardt – aus dem Zitatenpudding)

Von 1955 bis Anfang der ’90er Jahre war Peter Podehl als Drehbuchautor und Regisseur für das Kinderfernsehen tätig. Seine Filme und Fernsehserien sind noch heute in guter Erinnerung, auch wenn kaum jemand seinen Namen kennt.

Der Grundstein für diese Karriere war sicherlich “Der kleine Muck”, ein wundervoller Ausstattungsfilm, 1953 in Babelsberg in der DDR in voller Freiheit gedreht, wo Peter sich so richtig austoben konnte. Der phantasievolle Film ist gespickt mit Zaubereien, Überraschungen und Wendungen. Wolfgang Staudte war ein ausgezeichneter Regisseur und Peters Lehrmeister, Peter Co-Autor und Regieassistent. Beide hatten ihre Freude an der Narrenfreiheit: Da gibt es eine Szene, in der in lauter Verwirrung ein Orientteppich aufgelöst wird wie ein Strickpullover. Den Einwand, Orientteppiche seien doch nicht gestrickt, tat Staudte beiseite; das mache nichts, der Gag sei großartig. Und so lacht denn heute noch Groß und Klein, wenn der Orientteppich abgeribbelt wird. Der kleine Muck war mein damals 11jähriger Halbbruder Thomas, Charlotte breitete ihn auf jede Szene präzise vor.

Da der Film zu Recht zum Welterfolg wurde, wurde sofort ein neuer Märchenfilm geplant, “Das tapfere Schneiderlein”, das Grimm’sche Märchen vom schlauen kleinen Schneider, der gegen Fliegen, Riesen, Einhörner und Wildschweine kämpft und immer gewinnt. Peter schrieb das Exposee und wurde nach Pankow beordert. Das Wort Stasi war damals noch recht unbekannt. Dort wurde er zusammengestaucht: Narrenfreiheit? Niemals – nein, das Volk muss erzogen werden! Das tapfere Schneiderlein ist Wilhelm Pieck! Der Mann aus dem Volk! Der nun nicht mehr die Königstochter heiratet, sondern deren Zofe. – Aber dann trotzdem König wird.

Peter, der solches Theater nur zu gut kannte, kam nach Hause und sagte zu Charlotte: “Pack die Koffer, wir gehen. Das wird nichts, hier.”

1955 zogen wir nach München, in die Aretinstraße, kleines Haus, großer Garten, überhaupt kein Geld. Noch ein beruflicher Neuanfang. “Der kleine Muck” lief in der Bundesrepublik, wohl einziges Land auf der ganzen Welt, nicht in den Kinos, weil er von den Bösen da drüben produziert worden war. In München wohnte auch Stefan Moses, seinerzeit Theaterfotograf am Nationaltheater in Weimar, wo Peter und Charlotte sich kennengelernt und die ersten 5 Nachkriegsjahre oft gemeinsam auf der Bühne standen. Stefan sagte: „Peter, hör mal, ich habe eine 16mm-Kamera gekauft. Schreib mal was, wir drehen das dann.“ Und Peter schrieb:

“Ein Vermögen zu verjubeln.“

Hauptdarsteller? Asso, der pechschwarze Schäferhund unserer Nachbarn, unser gutmütiger Spielgefährte, den Thomas versorgen soll, solange Herrchen und Frauchen im Urlaub sind.

Asso

Das tut er auch, hat er ja schon öfters mal echt getan. Dann kommen Frauchen und Herrchen wieder zurück und geben ihm 2 Mark Belohnung. Thomas nimmt also Asso mit auf die Suche, wie er dieses Vermögen verjubeln kann. Sie traben durch München, stöbern, schnüffeln, finden nichts richtiges und doch zuletzt eine Bude: „Riesenbockwurst 1 Mark.“ Ein horrender Preis in den 50er Jahren. Thomas verschlingt die eine, Asso bekommt die andere.

Nun war das Problem, dass der Film ja geschnitten werden musste. Peter lieh sich beim Bayrischen Rundfunk ein handbetriebenes Moviskop, das ich heute noch besitze. Ehm. Auch die Lampe funktioniert noch. Ich wurde seine Assistentin und wir schnitten, kratzten, leimten, brachten alle Filmschnipsel durcheinander, ordneten sie wieder. Das göttlich Schöne an der Sache war Asso, der sich mit einem Hechtsprung in höchste Höhen die Riesenbockwurst, die Thomas ihm zugeworfen hatte, schnappte und verschlang, denn wenn man die Kurbel auf er anderen Seite betätigte, dann sprang der Hund wieder hoch und spuckte die Bockwurst wieder aus. Sprung, Wurst rein, runter – Sprung, Wurst raus, runter. Unzählige Male. Auch in Zeitlupe.

Um diesen Film zu verkaufen, klapperte Peter die einzelnen Fernsehsender ab, und in Köln gab es eine Frau Schmidts-Bunse, die interessiert war. Und so lief die Vermögensverjubelei im Fernsehen. Wir hatten aber gar keinen Fernsehapparat, gingen also zu den Nachbarn.

Kommentarlos
Dieter Möbius, der Kameramann Rainer Walzel und Charlotte

Das war der Anstoß zu einer ganzen Reihe von Filmen, immer wir Kinder, auch mit den Nachbars-kindern, den Asso-Besitzern, Marianne und Georg, alle in den Ferien zu Ostern,zu Pfingsten, im Sommer auf der Straße gedreht:

Ferien im Zoo

Thomas geht in den Ferien als Volontär im Zoo arbeiten und versorgt die Tiere. Der Münchner Tierpark Hellabrunn war keine Hundert Meter von unserem Haus in der Arteinstraße entfernt, daher kam die Idee. Widersinnigerweise wurde der Film aber dann in Wuppertal gedreht.

Backstage “Ferien im Zoo” – Peter Podehl und der Kameramann Albert Ammer

Die Kindersinfonie“,

die Thomas im Schulorchester dirigiert, mit Trommeln, Ratschen und Kuckucksrufen. Aber vorher gehen wir beide, Thomas und Claudia, mit dem Moped auf Spurensuche und gelangen ins Kloster Melk und zuletzt bis an die ungarische Grenze (das war damals Eiserner Vorhang). Um herauszufinden, ob der Komponist nun Mozart war, oder Haydn.

Im Kloster Melk
Thomas und Claudia am eisernen Vorhang – Das Dia ist etwas vergilbt

“Eine Stadt zieht den Wintermantel an”

Da lief ich durch München und sah zu, wie die Stadt auf den kommenden kalten Winter vorbereitet wurde, z.B. wie der Wittelsbacher Brunnen mit Holzbrettern verschalt wurde.

Claudia in “Eine Stadt zieht den Wintermantel an”

Die schlafende Micky Maus”

Claudia und Stephan Podehl (Stephan war mein Onkel), die einem Micky-Maus-Club angehören, kommen einem Betrüger auf die Spur, der arme alte Leute um ihre Rente bringt. Natürlich bringen sei es zuletzt soweit, dass er Handschellen anbekommt.

Claudia und Stephan Podehl
Claudia will vom Betrüger nicht erkannt werden

Die botanische Romanze

Zwei Schulklassen besuchen den Botanischen Garten in München. Ein Junge aus einer Klasse und ein Mädchen aus der anderen geben je einen Geigenkasten an der Garderobe ab. Bei der Abholung werden die Kästen vertauscht.

Charlotte – Claudia Bortfeld und Thomas Schmidt müssen Text lernen

Die Triole auf den zwei Achteln

Da spielt Thomas Klavier in einem Mietshaus. Am Sonntag Morgen, Sommer, die Fenster sind offen.

Eine Puppenmutti näht einen Knopf ans Puppenkleid. Eine sehr unternehmungslustige Dame bügelt ein himmelblaues Seidenkleid, denn am Abend will sie toll ausgehen. Und ein total verschlafener Mann, der bereits am Abend zuvor ausgegangen war, geht gähnend ins Bad.

Puppenmutti war ich, die unternehmungslustige Dame Charlotte, der Verschlafene Peter, im Schlafanzug, was er sein Leben lang niemals getragen hat.

Thomas spielt eine Triole auf 2 Achteln

Thomas spielt also, und dann kommt die Stelle mit der Triole auf den zwei Achteln. Das geht natürlich schief, er bringt Finger, Tasten, Töne, Melodie und Rhythmus völlig durcheinander und kommt überhaupt nicht mehr raus. Das stiftet Verwirrung im ganzen Haus. Die Puppenmutti sticht sich beim Nähen in den Finger, Blut rinnt, die unternehmungslustige Dame hat am Telefon geantwortet und das Bügeleisen auf dem Kleid stehen gelassen, O weh!, der Verschlafene dreht die Dusche auf, die ihm eiskaltes Wasser ins Gesicht spritzt.

Ich weiß nicht, wer sonst noch mitgemacht hat. Jedenfalls übt Thomas verbissen die Triole rechts, und die zwei Achtel links, und endlich schafft er es. Nun kehrt wieder Entspannung ein.

Die Puppenmutti hat einen großen Verband um den zerstochenen Finger gewickelt, die unternehmungslustige Dame setzt eine fesche Rose auf die verbrannte Stelle, der – nun nicht mehr verschlafene – Mann trocknet sich ab. Thomas spielt das ganze Stück noch einmal, an der schicksalsschweren Stelle halten alle kurz den Atem an, aber er spielt‘s mit Nonchalance. Der Sonntag ist gerettet.

Viele dieser Geschichten entstanden bei Tisch, wir machten alle mit, Ideen kamen, fanden wir toll, verwarfen sie wieder, alles mit viel Gelächter. Ausgangspunkt war meist irgendein möglichst schräger Titel, um den dann die Geschichte gesponnen wurde. – Eine Liste mit den unzähligen Titeln aus Peters Berufsleben gibt es hier. – Einmal fuhren wir zu Ostern mit einem VW-Käfer samt Bettzeug nach Italien, La Mortola in Ligurien. Auf der für Thomas und mich auf dem Hintersitz sehr engen langen Reise (das Bettzeug für 4 Personen lagerte zwischen uns beiden) erfanden wir die sonderbarsten Streiche von Jakopp und Elisabett.

Ich wurde auf  Kindergeburtstage eingeladen, und organisierte selbst welche. Der große Schlager auf jedem Geburtstag war wie folgt: Man bekam einen Bleistift und ein Stück Papier, auf das man einen Namen schrieb, dann faltete man das Papier so, dass der Name nicht mehr lesbar war und schob es dem rechten Nachbarn zu und bekam natürlich selbst eins vom linken. Man schrieb nun ein „Tun-Wort“, also ein Verb, faltete das Papier weiter und gab es wieder nach rechts weiter. Danach kam das „Wie“ der/diejenige das tat, und zuletzt „Wo“. Dann wickelte man das Papier wieder auf und las den Satz, der so entstanden war, laut vor. Riesengelächter war die Folge. Ich erinnere mich heute noch an: „Georg rennt mondsüchtig im Strohhalm“.

Diese Szene wurde natürlich in der „Geschichte eines Bleistifts“ verbraten. Was der Bleistift vorher und nachher noch für Abenteuer erlebte, weiß ich nicht mehr. Aber die Mutter schüttelt nach dem lebhaften Kindergeburtstag die Tischdecke aus dem Fenster und der Bleistift fliegt direkt in die Hand eines verrückten Dichters, der justament in diesem Moment unter dem Fenster lang kommt. Auch die  Szene des fliegenden Bleistifts habe ich immer wieder hin und her gedreht. Der verrückt tänzelnde Dichter war Werner Uschkurat. Im Film dichtete er folgendermaßen:

Ein Molekül
Ging im Gewühl
Auf und ab.
Indes ein Atom
Vom Element Brom
Lichtzeichen gab.

© Claudia Podehl 20.11.2022