Peter Podehl

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Die großen Füße

***

Fernsehspiel
von
Peter Podehl

***

Künstler
Lebenskünstler
Überlebenskünstler

Personen:
Paolino
Marta, seine Frau 
Der Beamte
Die fünf Kollegen: 
Tovo 
Hesper
Francesco
Leonidas
  Firmian
Der Chefingenieur 
Drei Arbeiter 
Andere Arbeiter

Zeit
Gegenwart

Schauplätze:
  Modell eines Denkmals 
Am Fuße eines Denkmals
  Fahrstuhl
  Pupille eines Denkmals 
  Panorama einer Großstadt

Es geht los mit dem Hämmern vieler Steinmetzen. 
Dann AUFBLENDEN
Groß: Die Füße am Modell einer riesigen Steinstatue.
Rückfahrt bis zur Totale: Ein moderner Diktator in Uniform mit Stiefeln und Mütze.
Darüber liegen die Titel.
Dann wird die Statue gedreht, dazu Text (gesprochen oder darüber geblendet):

“Dies ist das Modell eines Denkmals, das sich der Diktator irgendeines Landes irgendwo auf der Welt errichten lässt. 143 Steinmetzen bosseln zum Teil in Überstunden daran herum, 170 Meter hoch soll es werden, und 450 Tonnen soll es wiegen. Überflüssig zu sagen, dass ein solcher Mann autoritär herrscht.”

ÜBERBLENDUNG zur Szene: Der untere Teil eines Stiefels oder Stiefelpaares von überdimensionaler Größe. Drumrum stehen Gerüste. Im Hintergrund Landschaft mit Kränen, Baracken, Steinblöcken.

Im Vordergrund Paolino: groß und fett, in den Fünfzigern, nicht unbehende, strahlende dunkle Augen, fleischiges Gesicht, langes schwarzes Lockenhaar; er sieht so verdächtig nach Künstler aus, dass er kaum einer sein kann. Er hat den Kopf tief im Nacken und schaut an den steinernen Beinen hinauf in den Himmel.

Dazu noch einmal Text:
“Und dies ist der Bildhauer Paolino, der die Ehre hat, die Arbeiten am Denkmal des Großen Vaters, wie der Diktator sich nennen lässt, zu leiten.”

PAOLINO 
He! Matteo! (Pause.) Matteo! (Pause.) Der Lümmel hört nicht! (Er rennt zu einem Feldtelefon, dreht die Kurbel.) Die oberste Gerüstgalerie, rasch! (Pause.) Matteo? Hör zu, du Sohn einer Hündin! Die Backenknochen prägnant, habe ich gesagt, aber doch nicht so!
Du machst ihm ja einen Pickel statt Backenknochen (Kurze Pause, dann ungehalten:) Wo, wo, wo? Ich werd dir sagen, wo. Geh hin! (Er rennt mit dem Apparat vor und schaut wieder hinauf.) Weiter rechts, noch weiter, noch weiter.
Da, ja! Spürst du das denn nicht!? Da kannst du ja einen Ochsen dran aufspießen. Das muss weg! (Pause, denn nachäffend:) Ist gut, ist gut! Wenn ich nun nicht aufgepasst hätte?! (Pause.) Lass deine Witze, geh an die Arbeit. Du weißt: bis zum Geburtstag des Großen Vaters muss alles fertig sein. (Er stellt das Telefon wieder hin.)

DER BEAMTE (lang, hager, bebrillt, mit Aktentasche, ist einigermaßen devot erschienen.)
Meister Paolino!

PAOLINO 
Ah, das liebe Geld. 

DER BEAMTE 
Leider noch nicht.

PAOLINO 
Warum nicht!?

DER BEAMTE 
Sie hatten vorher rufen lassen.

PAOLINO (Der Vielbeschäftigte besinnt sich:)
Ah, Jaja! Ja, es ist natürlich wieder viel zu wenig.

DER BEAMTE 
Ich verstehe nicht.

PAOLINO 
Wenn man euch Kassenboten sagt, es sei zu wenig, versteht ihr nie!

DER BEAMTE 
Ich bin zwar kein Kassenbote, aber –

PAOLINO 
Ich weiß: Stell dich immer gut mit Leuten, die dir Geld bringen. Nichts für ungut.

DER BEAMTE 
Sie erbalten, Meister Paolino, in diesem Monat wie gewöhnlich, Ihr Gehalt und darüberhinaus –

PAOLINO 
Ich sage dir, es ist zu wenig, viel zu wenig!

DER BEAMTE 
Aber es war doch ausgemacht –

PAOLINO 
Natürlich war es ausgemacht. Aber wann endlich werdet ihr Stubenhocker begreifen, dass sich die Kunst nicht an das hält, was unter Bürokraten ausgemacht wird.

DER BEAMTE 
Es ist zwar nicht mein Geld, aber der Finanzminister ist sehr besorgt. Die Statue frisst mehr – ich meine die Statue des Großen Vaters frisst mehr als das ganze Sozialprogramm.

PAOLINO 
Welche Vergleiche! Was ist das für eine Redeweise? (Listig:) Kann man bei ihm (Er deutet nach oben.) knauserig sein?

DER BEAMTE (beeilt sich:) 
Gewiss nicht! Aber es ist jeden Monat dasselbe. Wo sollen wir’s hernehmen?

PAOLINO (Plötzlich zornig:) 
Was kümmert’s mich! Exportiert mehr Ochsen oder Kaffeebohnen oder sonstwas! Genug palavert. Schreiben Sie auf!

DER BEAMTE 
Bitte. (Er holt Papier und Bleistift aus der Tasche.)

PAOLINO 
Also erstens: Dreihundert Überstunden für die Steinmetzen Gruppe I.

DER BEAMTE (Beim Schreiben:) 
Wofür?

PAOLINO 
Jetzt hab ich aber genug!!!

DER BEAMTE 
Verzeihen Sie, Meister Paolino, aber ich muss es doch detaillieren.

PAOLINO 
Also gut. Hör zu. Wann soll die Statue fertig sein?

DER BEAMTE 
Zum Geburtstag des Großen Vaters. 

PAOLINO 
Und der lässt sich nicht verschieben?

DER BEAMTE (lacht geflissentlich:)
Aber Meister!

PAOLINO (zeigt auf den Steinfuß.)
Fällt Ihnen was auf?

DER BEAMTE 
Die Stiefel des Großen Vaters.

PAOLINO 
Das sieht jedes Kind. Fällt Ihnen sonst nichts auf?

DER BEAMTE (zuckt die Achseln.)
Nein…

PAOLINO 
Schauen Sie Ihre Schuhe an. 

DER BEAMTE (gehorcht.)

PAOLINO  Ziemlich schäbig, nicht?

DER BEAMTE 
Ich bin ein kleiner Beamter im Finanzministerium. Sie belieben mich sogar nur Kassenbote zu nennen. 

PAOLINO 
Genau das wollte ich wissen. Deine Sohle ist mit der Maschine genäht. Aber er, – ihm gehts gut, nicht? Ergo: – ?

DER BEAMTE 
Ich weiß wirklich nicht, Meister…

PAOLINO  (schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:) 
Zwiegenäht, Menschenskind! Die Stiefel eines solchen Mannes sind natürlich zwiegenäht! Also bitte!  Dreihundert Überstunden für Steinmetzen Gruppe I. Zweck: Einmeißelung der Kerbung zwiegenähter Stiefel!
Zweitens: Reisekostenerstattung für fünf Kollegen, die ich aus der Heimat übers Meer habe kommen lassen. Muss ich ja wohl nicht aus der eigenen Tasche zahlen, oder?

DER BEAMTE (notiert.) 
Selbstverständlich nicht!

PAOLINO 
Gut. Drittens und letztens: 90 000 mehr für mich persönlich. Halten Sie den Bleistift fest und machen Sie den Mund zu. Zweck: Abfindung für drei Aufträge, die Meister Paolino abschlagen musste. Das wärs für heute.

DER BEAMTE  (Vorsichtig:) 
Gibt es für drittens und letztens irgendwelche Belege?

PAOLINO  (Empfindlich:) 
Auch noch, was? Auch noch Belege. Meister Paolino wird sehr empfindlich, wenn man ihm misstraut, verstanden? Steck deine Sachen ein und geh!

DER BEAMTE (steckt seine Sachen ein.)
Mein Geld ist es ja nicht.

PAOLINO 
Sie tun bloß so! Sie tun so, als ob ich Ihnen hier und hier und hier in die Tasche gefasst hätte. Aber von der Seele eines Bildhauers haben Sie keine Ahnung. (P1ötzlich brüllt er:) Marta, mein Weib! Die Gänsekeulen! Mich hungert!

DER BEAMTE 
Meister Paolino, trotz allem macht es mir immer Spaß, monatlich einmal mit Ihnen zu plaudern.

PAOLINO 
Ich hab nicht mit dir geplaudert, du Stubenhocker! Ich hab dir den Klingelbeutel hingehalten. Und jetzt ab ins Staatsportemonaie!

MARTA  (Dick, unförmig, klebrig an Händen, Lippen, Schürze und Haar, schlurft mit einem silbernen Tablett herzu.)

PAOLINO 
Komm her, mein alter Engel. (Plötzlich mit tiefer Zornesfalte über der Nasenwurzel:) Wo sind die Keulen?

MARTA
In deinem Wanst.

PAOLINO 
Marta, mein Weib! Hab ich gerufen, die Gänsekeulen! Mich hungert. Du aber bringst Brust und Sterz.

MARTA (wendet sich an den Beamten:) 
Mein Herr, die ersten Keulen hatte er morgens um neun Uhr, die zweiten mittags um zwölf. Und jetzt will er schon wieder welche.

PAOLINO 
Rufst du diesen Heringsbändiger zum Zeugen auf?! Was weiß denn er!? Ich kann keine künstlerische Arbeit leisten, wenn ich keine Gänsekeulen zu knabbern habe. Seid froh, daß ich keine teureren Marotten habe! Seid froh! Brust und Sterz wagt sie mir anzubieten. Ich habe lange genug gehungert, bis er (Er deutet nach oben.) mich rettete, der wahre Wohltäter der Künstler.

MARTA 
Eine Gans hat nur zwei Keulen.

PAOLINO 
Was du nicht sagst. Und eine Kuh nur einen Euter und ein Igel nur 352 Borsten. So kaufe pro Tag fünf Gänse!

MARTA  (sagt ihm was ins Ohr.)

PAOLINO 
Das eben soll der Herr hören. Sag’s laut! Genier dich nicht. Nur arme Leute genieren sich.

MARTA  (schweigt verschämt.)

PAOLINO 
Wissen Sie, was sie gesagt hat? Fünf Gänse kosten zu viel Geld. Und dabei bräuchten wir zehn am Tag! Denn meine Frau isst genau so gern Keulen wie ich. Sie opfert sich mir zuliebe und schlingt diesen Hundefraß hinunter: Brust und Sterz.
Hauen Sie ab, junger Mann, wenn Ihnen Ihr steinener Großer Vater lieb und wert ist und rütteln Sie die Bürokratie aus dem vaterlendsfeindlichen Schlaf!

DER BEAMTE (geht erheitert.) 
Bis heute Abend, Meister Paolino!

PAOLINO 
Und nicht zu spät! (Er schaut missmutig auf Martas Tablett.)

MARTA 
Hochmut kommt vor dem Fall.

PAOLINO 
Ja, in der Bibel. Aber die ist weit weg vom Finanzminister. Wenn ich die hier nicht mit Schröpfen in Atem halte, dann haben sie keinen Respekt vor mir. (Er deutet nach oben.) Ich habe nun mal ein großes Geschäft angefangen, und das muss auch groß zuende gebracht werden. Was ist mit dem Korsett ?

MARTA 
Mit was?

PAOLINO 
Mit deinem Korsett. 

MARTA 
Wieso?

PAOLINO (äfft sie nach:)
Wieso, wieso! Ich habe dir vor drei Wochen gesagt, du brauchst ein Korsett.

MARTA 
Es drückt so.

PAOLINO 
Du hast nie eins angehabt.

MARTA 
Ich kann’s mir ausrechnen, dass es drückt. Die Schuhe drücken auch.

PAOLINO (argwöhnisch:)
Brauchst du etwa neue? 

MARTA 
Ja.

PAOLINO 
Die Schuhe würden noch drei Jahre halten, aber die Füße sind zu prall geworden.

MARTA 
Was soll ich machen?

PAOLINO 
Na schön. (Er holt Geldscheine aus der Tasche und gibt sie ihr.) Da, kauf dir ein Paar. Und das fürs Korsett.

MARTA 
Wenns doch so drückt.

PAOLINO  (deutet nach oben:)
Wenn das hier fertig ist, wird’s ein Fest geben. Soll ich da allein hingehen, oder mit Turtella?

MARTA 
Untersteh dich, du!

PAOLINO 
Na also, dann besorg dir das Korsett. So geh ich nicht mit dir.

MARTA 
Das ist der Dank, dass man jahrelang mit ihm das Hungerleben geteilt hat. 

PAOLINO 
Damals warst du dünn.

MARTA 
Ah, nun wirf’s mir auch noch vor, das bisschen Fleisch!

PAOLINO 
Bisschen ist gut!

MARTA 
Du bist auch keine Lilie.

PAOLINO 
Aber behende. Ich muss nicht immer sitzen wie du. Und die Mädchen lächeln mir noch sehr oft an!

MARTA 
Ekelhaft bist du. Den Simplo hätt ich heiraten sollen mit seinen zwei Äckern. Der wär nie in die Fremde gegangen und hätte so’n Götzenbild errichtet.

PAOLINO 
Aber für Polenta hätte er gesorgt und trocken Brot. Und jeden zweiten Sonntag Pferdefleisch.

MARTA 
Da wär ich nicht so dick geworden.

PAOLINO 
Und nicht so stockstrohdumm! Und klebrig bist du überall. Wisch dir den Mund ab! Wie ein Ferkel läufst du herum!

MARTA (tut es)

PAOLINO
Und dass mir bald die Nachmittagskeulen kommen!

MARTA 
Nächstes Jahr vielleicht. (Plötzlich freudig erschrocken:) Jesusmariaundjosef! der Tovo, Herzensbruder!

DIE FÜNF KOLLEGEN (Abgehärtete, hohlwangige Künstler mit Pappschachteln, dürftig gekleidet, treten scheu auf.)

MARTA (hat den einen umarmt.)
Der Tovo ist da…!

PAOLINO (hat die Hand vor den Mund geschlagen.)
Freunde, ich habe euch vergessen!

TOVO (ängstlich:) 
Wieso?

DER ZWEITE (auch ängstlich:) 
Werden wir nicht gebraucht?

PAOLINO 
Aber nein, sehnsüchtig erwartet! Aber ein Auto sollte an Quai sein, euch abzuholen. Verzeiht!

DIE FÜNFE (verzeihen durcheinander murmelnd:)
Wenn’s nur das ist – Nicht so wichtig – Schon gut…

PAOLINO (begrüßt sie mit der ganzen Liebenswürdigkeit des reichen Verwandten:)
Tovo, Herzensschwager Hesper, grüß dich. Willkommen Leonidas, Francesco und du, alter Firmian. Wie schön, dass ihr da seid. Ihr seht nicht gut aus. Was macht die Kunst? 

HESPER 
Sie geht zum Teufel!

PAOLINO (irritiert:) 
Wieso? Hier –

HESPER 
Ich meine, bei uns zu Hause. Ich war am Verhungern, als dein Telegramm kam.

PAOLINO 
Wie schön, dass ich euch helfen konnte. Habt Ihr leicht gefunden?

FRANCESCO 
Es war nicht sonderlich schwer. 

DIE FÜNFE  (haben nach und nach die Köpfe erhoben.)

PAOLINO  (nur ganz versteckt eine Spur verlegen🙂 
Ja, das ist also das Werk, das euch braucht. Das ist der Große Vater, von dem wir alle leben. So hoch wird die Kunst in diesen Lande geachtet. Hier geht der Künstler nicht zum Teufel, sondern zum Finanzamt.

LEONIDAS 
Und das ist nicht dasselbe?

DER CHEFINGENIEUR (kommt in Montur mit schmutzigen Händen angestürzt.)
Meister Paolino! Verzeiht die Störung! In einer halben Stunde können wir die erste Probefahrt mit dem Fahrstuhl machen.

PAOLINO 
Bis in die Pupille des Großen Vaters?

DER CHEFINGENIEUR 
Bis in die Pupille! 

PAOLINO 
Und das Seil wird nicht reißen?

DER CHEFINGENIEUR
Ich habe selbst mit angepackt. Sie sehen. (Er zeigt seine Hände.) Bin zwei Tage früher fertig als geplant.

PAOLINO 
Bravo! Ich hoffe es nun auch zu schaffen mit diesen soeben eingetroffenen frischen Hilfstruppen. Kommen übers Meer aus der Heimat. Tovo, Hesper, Leonides, Francesco und der alte Firmian. Dies ist unser Chefingenieur.

Allgemeine Verbeugungen.

DER CHEFINGENIEUR
In einer halben Stunde also. (Er rennt davon.)

PAOLINO 
Ein tüchtiger Mann, meine rechte Hand in allen technischen Fragen, ein Stümper allerdings auf künstlerischem Gebiet. Nun sagt, Freunde, was habt ihr zuletzt getan?

DIE FÜNF (Durcheinander:)
So gut wie nichts – Grabsteine – Hie und da ein Taufbecken – Ausbesserungen…

PAOLINO 
Hört auf! Hört auf! Meine ganze Vergangenheit steigt auf!

LEONDIAS 
Wie ist es eigentlich bei dir damals so schnell gegangen?

PAOLINO 
Wie ein Märchen! Der Gesandte kam in meine Bretterbude, sah sich einige Grabplatten an und gab mir den Auftrag. 170 Meter sagte er, und 43 000 Tonnen. Marta hat drei Tage lang geheult. Ich habe natürlich sofort zugesagt, versteht sich.
Aber nun kommt, zu einem Begrüßungsschluck in die Kantine!

HESTER 
Was werden wir zu tun kriegen?

PAOLINO 
Schwierige Nüsse, ich sag’s euch. Seid nur nicht nett zu den den hiesigen Kollegen. Sie sollen nicht denken, dass ihr ihnen vor die Nase gesetzt werdet, wenn’s auch in Wirklichkeit so ist. Ich kann nicht alles allein machen.

TOVO 
An was dachtest du bei mir?

PAOLINO 
Du, Hesper und Francesco, ihr müsst hier am Stiefel die Naht machen, zweigenäht.

HESPER 
Ich verstehe nicht.

PAOLINO 
Der Stiefel eines solchen Mannes ist natürlich zwiegenäht. Das müsst ihr in Stein hauen.

DIE FÜNF (schauen sich ein wenig betroffen an.)

FIRMIAN 
Und ich?

PAOLINO 
Ja, du Firmian, bei dir dachte ich an die Pisto1e, die da ein Stückchen aus der „Ledertasche” herausguckt.

FIRMIAN 
Pistole?

PAOLINO 
Ja. Und Leonidas muss erst ans linke Ohrläppchen und dann an die Schnalle vom Schulterriemen. (Da die fünf schweigend nach oben schauen:) Aber nun lasst uns erst trinken und essen! Dann zieht ihr die Arbeitskittel und dann … Heute Abend gibts die erste Löhnung!

FIRMIAN 
Ich habe noch nie eine Pistole gebosselt.

PAOLINO 
Lernt sich, Firmian, lernt sich. 

LEONIDAS 
Als wir an Land gingen, hieß es, der – wie sagt ihr: Große Vater sei gestürzt worden.

PAOLINO 
Das Gerücht kommt alle halbe Jahr. Manchmal schießt es auch ein bisschen. Aber wer sich so groß in Stein hauen 1ässt, der sitzt fester im Sattel als ein Cowboy auf seinen Lieblingspferd. Er ist gütig gegen die Künstler, tut viel Soziales, die Reichen schröpft er. 

MARTA 
Nur nicht sich selbst.

PAOLINO (gestört:) 
Was weißt denn du?! Kommt, Freunde!

LEONIDAS 
Paolino, ich werde das nicht können. 

PAOLINO 
Was?

LEONIDAS 
Die Schnalle am Schulterriemen. 

PAOLINO 
Und warum nicht?

LEONIDAS 
Ich kann das nicht.

PAOLINO 
Aha! Du wirst das nicht können, weil du’s nicht kannst. Und ich dachte, du würdest müssen, weil du musst.

LEONIDAS 
Ich bin…

PAOLINO 
Sprich’s nur aus, darauf hab ich nur gewartet: Ich bin Künstler und will lieber hungern. Das wolltest du doch sagen, nicht wahr? Ihr verdammten Träumer, ihr verdammten! Hockt auf den Grabplatten, bis ihr selbst darunter liegt. Ihr haut den Nagel des Pessimismus in Stein, und die Trostlosigkeit! Mit so einem Ohrläppchen wollt ihr nichts zu tun haben.
Ich habe als Künstler jahrelang gehungert. Heute bin ich dienstbarer Steinmetz, nichts weiter. Ich leiste redliche Auftragsarbeit und komme mir dabei nicht schlechter vor als in den Hungerjahren. 
Ich warne euch! Die Herreise habe ich bezahlt aus meiner eigenen Tasche. Künstler ohne Staatsauftrag gibt es hier nicht. Also bitte. 
So, und nun Schwamm drüber! In der Kantine habe ich noch zwei Flaschen Valpolicella. Prost! Und mir nach!(Er geht.)

DIE FÜNF  (folgen langsam.)

MARTA  (geht auch mit.)

EIN ARBEITER  (kommt angeschlichen, ein Paket unter dem Arm. Er sichert nach allen Seiten. Dann pfeift er.)

ZWEI ANDERE ARBEITER  (kommen herbei.)
Was gibts?

ERSTER ARBEITER 
Ich hab die Fahnen.

ZWETER ARBEITER 
Gut. Gib her. 

DRITTER ARBEITER 
Lass anschauen.

ERSTER ARBEITER 
Doch nicht jetzt.

DRITTER ARBEITER 
Man muss doch wissen, was man hisst!

ERSTER ARBEITER 
Man muss wissen, ob man gegen ihn ist oder nicht!

ZWEITER ARBEITER 
Ich bin gegen ihn.

DRITTER ARBEITER 
Ich auch. Viel zu groß ist der Vater geworden.

ERSTER ARBEITER 
Also. Habt ihr Uhren? Punkt 18 Uhr lasst ihr die Lappen fallen und versammelt die anderen hier. (Er verteilt die Fahnen.) Erste Galerie, zweite Galerie. Und ich ganz oben auf der vierten. Und nun weg! Schnell. Es ist bald so weit. Am besten gleich über die Gerüste hier.

DIE DREI (verschwinden kletternd an den Gerüsten nach oben.) 

**

Eine Fahrstuhlkabine.

DER CHEFINGENIEUR 
Bitte einzutreten, Meister Paolino.

PAOLINO (betritt den Fahrstuhl.) 
Also, das Seil reißt nicht?

DER CHEFINGENIEUR 
Keine Sorge. Ich fahre ja selbst mit.

PAOLINO  Mitgefahren – mitgerissen, Haha!

DER CHEFINGENIEUR  (setzt den Fahrstuhl in Bewegung.) 
Gute Leute, die da aus der Heimat gekommen sind?

PAOLINO 
Noch ein bisschen störrisch. Waren halt ihr Leben lang biedere Steinmetzen. Es fehlt ihnen ein bisschen der echte künstlerische Schwung. Aber gewisse untergeordnete Arbeiten werden sie schon machen können. Wo sind wir jetzt?

DER CHEFINGENIEUR 
Oberschenkel. Gleich fahren wir durch die Eingeweide.

PAOLINO 
Hoho!

DER CHEFINGENIEUR 
Noch nie in meiner Praxis habe ich so frei und unbelastet arbeiten können. Dieser Fahrstuhl war eine Lust. Gesegnet seien Land und Großer Vater!

PAOLINO 
Wir müssten beim Herzen sein. Man hört nicht schlagen.

DER CHEFINGENIEUR 
Groß genug wäre es, dass sein Schlag durch die Fahrstuhlwände dringt. Aber es ist aus Stein.

PAOLINO 
Für den Fahrstuhl ist es besser, wenns nicht schlägt.

DER CHEFINGENIEUR (lacht.) 
Allerdings. So, der Hals. Und da wären wir schon im Mund.

PAOLINO 
Nun soll er bloß nicht geruhen, uns auszuspucken.

DER CHEFINGENIEUR  (muss schon wieder lachen.) 
Wie Kirschkerne. (Er hält den Fahrstuhl an.)  So, die kleine Treppe da führt jetzt in die Pupille, von wo die Aussicht geradezu überwältigend ist!

BEIDE (steigen aus.) 

**

Großes Panorama von der wunderschönen Hauptstadt eines Landes, das von einem Diktator beherrscht wird, was man dem Panorama jedoch nicht anmerkt. 
Dann von außen die Pupille des Denkmals, in der Paolino und der Chefingenieur erscheinen.

DER CHEFINGENIEUR 
Überwältigend, nicht wahr?

PAOLINO 
Allerdings. Das Volk kann seinen Großen Vater für dieses Monument wirklich dankbar sein. Herrlich! Da hinten das Meer, der Hafen, das ist die Autobahn. Und das da wohl das Regierungsviertel.

DER CHEFINGENIEUR 
Ja, die breiten Straßen. 

PAOLINO 
Ein erhebendes Geräusch.

DER CHEFINGENIEUR 
Was?

PAOLINO 
Hören Sie nicht die Bosseln am ganzen Corpus? Das ist Arbeit, das ist Leben, – wunderbar!

In die Bosselei mischt sich ein nicht ganz unähnliches Geräusch: ein Maschinengewehrstoß.

PAOLINO 
Was war denn das?

DER CHEFINGENIEUR 
Ich weiß nicht. Klang verdächtig. 

Eine dumpfe Detonation. Das Bosseln hört auf.

DER CHEFINGENIEUR 
Da schauen Sie, am Platz der Nation. Scheint eine Bombe gewesen zu sein.

PAOLINO 
Wieso Bombe?

Detonationen, Maschinengewehrfeuer, entfernte Rufe.

PAOLINO 
Was soll denn das?

DER CHEFINGENIEUR 
Das sind nicht mehr Ihre Meißel und Bossel! MGs, Maschinengewehr.

PAOLINO 
Schnell runter.

DER CHEFINGENIEUR 
Warum? Hier sehen wir am besten. Eine Revolution.

PAOLINO 
Kommen Sie. Ich kann den Fahrstuhl nicht bedienen. Ich muss bei meinen Leuten sein. Und meiner Frau…

DIE BEIDEN (verschwinden)

Noch einmal das Panorama. Darübergeblendet: Detonationen, Sprengungen, Einschläge, Rauchpilze.

**

Die Fahrstuhlkabine.

DIE BEIDEN (steigen ein.) 

PAOLINO 
Schnell!

DER CHEFINGENIEUR  (bedient den Fahrstuhl.) 
Tut mir leid. Gasgeben kann man beim Fahrstuhl nicht.

PAOLINO 
Wenn nun eine Kugel in die Pupille trifft und das Sei1 zerreißt?

DER CHEFINGENIEUR 
Die Möglichkeit habe ich allerdings nicht einkalkuliert.

PAOLINO 
Hätten Sie aber sollen, bei den vielen Revolutionen hier.

DER CHEFINGENIEUR 
Eigenartig im Bauch eines Diktators auf – und abzufahren, während er gestürzt wird, nicht?

PAOLINO (Klammert sich an.) 
Gestürzt? Ich merke nichts.

DER CHEFINGENIEUR 
Was?

PAOLINO 
Dass die Statue stürzt.

DER CHEFINGENIEUR 
Ich meine doch den richtigen!

PAOLINO 
Ach so.

DER CHEFINGENIEUR 
Wenn wir unten ankommen, haben wir vielleicht einen neuen Staat.

PAOLINO 
Ich glaube nicht.

DER CHEFINGENIEUR 
Sie möchten es nicht glauben. Ich hab’s da besser, Fahrstühle sind neutral und werden immer gebraucht. (Er hält den Fahrstuhl an.) So, da wären wir. 

PAOLINO  (verlässt furchtsam den Fahrstuhl.)

Bei den großen Füßen versammeln sich die Arbeiter. Sie kommen von allen Seiten vom Gerüst herunter. Die drei, die vorhin die Fahnen hatten, sind auch dabei. Allgemeines Gerede. Das Maschinengewehrfeuer hat nachgelassen.

ERSTER ARBEITER 
Hört zu, Kollegen: Wir wollen in die Stadt gehen. Nur Freiwillige natürlich!

Ein Maschinengewehrstoß.

ZWEITER ARBEITER 
Was schießen die denn noch hier in der Nähe!? Sehen die nicht unsere Fahnen?

ERSTER ARBEITER 
Hat jemand den Chef gesehen?

DRITTER ARBEITER 
Wie vom Erdboden verschwunden. Stand vorhin stundenlang hier unten.

ZWEITER ARBEITER 
Der will’s jetzt sicher auch nicht gewesen sein.

DRITTER ARBEITER  Aber das da (Er deutet nach oben.) kann er nicht in der Tasche verschwinden lassen.

ERSTER ARBEITER 
Lasst den Chef. Wir wollen los. Wir können nicht annehmen, dass er an unserer Spitze marschieren würde. (Er ruft aus dem Bild:) Nehmt die Fahne hoch, dass es keine Querschläger gibt!

DIE ARBEITER  (gehen weg.)

Große Stille, zum ersten Mal seit dem Beginn.

PAOLINO  (kommt hinter einem Fuß hervorgekrochen und schaut seinen Arbeitern scheel nach. Ein einzelner, ziemlich weit entfernter Schuss treibt ihn in volle, wenn auch nicht ganz fachgerechte Deckung. Erst nach einer ziemlichen Weile hebt er vorsichtig den Kopf, lauscht, steht langsam auf, immer noch auf Deckung bedacht.)

MARTA  (kommt angewatschelt, schneller und aufgeregter als jemals. Sie ruft suchend:)
Paolino!

PAOLINO 
Was schreist du so?! 

MARTA 
Wo bist du? Du lebst!?

PAOLINO 
Was sonst. Hier bin ich.

MARTA 
Es hat doch geschossen. Und nicht verwundet?

PAOLINO 
Nichts. (Er klopft sich den Staub aus den Kleidern) Verdammter Dreck!

MARTA 
Im Radio sind schon die Neuen.

PAOLINO 
Verflucht, dann muss es eine ganz gute Revolution gewesen sein.

MARTA 
Dass du lebst…!

PAOLINO 
Ich wollte, ich wäre tot. 

MARTA 
Warum, um Himmelswillen?

PAOLINO 
Wovon sollen wir jetzt leben? 

MARTA 
Ist es aus, denkst du?

PAOLINO 
Denke ich, ja. Bis ins Radio sind sie noch nie gekommen. Nun wird’s wohl wieder ans Hungern gehen wie eh und je.

MARTA 
Da werd ich wieder dünner.

PAOLINO 
Ohne Korsett.

MARTA 
Es hätte auch so gedrückt, glaub mir, Pavo!

PAOLINO 
Ja, nun ist ja gut.

DIE FÜNF KOLLEGEN  (erscheinen langsam auf dem Plan.)

PAOLINO 
Freunde! Das ist ein arger Schrecken. Höhere Gewalt! Was soll ich machen? Wenn ich das gewusst hätte. 

FIRMIAN 
Ich war gerade bereit zur Pistole.

TOVO 
Was ist nun, Paolino?

PAOLINO 
Der Götze ist endlich gestürzt.

HESPER 
Endlich? Du hast doch gut gelebt.

PAOLINO 
Schon. Aber auch gelitten, glaubt mir, sehr gelitten. Und es gab ja kein Zurück mehr.

LEONIDAS 
Mitgefangen – mitgehangen!

PAOLINO 
Nein nein! Sie werden einem unabhängigen Künstler nichts tun. Sicher nicht. 

FRANCESCO 
Und wir?

PAOLINO 
Ja, wir. Wir müssen alle zurück, nach Hause.

HESPER
Hast du Geld? 

PAOLINO 
Wo denkst du hin!? Uns trifft alle das gleiche Schicksal.

HESPER: 
Man kommt nicht übers Meer ohne Geld. 

LEONIDAS 
Höchstens als Kohlentrimmer.

PAOLINO 
Bravo, Leonidas! Das ist gut! Jawohl. Ich habe mich an der heiligen Kunst versündigt und kehre als Kohlentrimmer in die liebe Heimat zurück, schwarz und schwitzend.

FIRMIAN 
Wir haben nicht gesündigt.

PAOLINO (Völlig verschwommen:) 
Wenn man’s wiederum so nimmt, haben wir nicht ges…

FIRNIAN (Zornig:) 
Versteh doch, Paolino, ich meine uns fünf! Hör endlich auf, uns in einen Atemzug mit dir zu nennen!

PAOLINO 
Was denn? Ihr wollt mich ausschließen? Ist das der Dank, dass ich euch habe kommen lassen?

TOVO 
Zur Henkersmahlzeit.

PAOLINO
Aber ich kann doch nichts dafür! Ich bin unschuldig. Lasst mich nicht allein, stoßt mich nicht von euch, mich und meine Marta. Ich bin länger in diesem Land als ihr. Ich kann euch behilflich sein. Gewiss, Geld habe ich keins, aber… Der Kassenbote hatte es für heute Abend zugesagt. Aber es wird da jetzt vielleicht Verzögerungen geben.

DER BEAMTE  (erheiternd genug anzuschauen mit bunter Armbinde, Mütze und umgehängter Maschinenpistole, erscheint.)
Meister Paolino. Jetzt hat euer Stündlein geschlagen.

PAOLINO 
Was heißt das? Ich war nie in der Partei!

DER BEAMTE 
Wer ein solches Ärgernis (Er deutet nach oben) aufgerichtet hat, braucht nicht auch noch in der Partei gewesen zu sein.

PAOLINO 
Ich bin Ausländer. Ich stelle mich unter den Schutz der Gesandtschaft.

DER BEAMTE 
Augenblick, Paolino. Es können sich nicht alle drücken, die Erbschaft anzutreten.

PAOLINO 
Ah, und ich soll diese (Er deutet nach oben.) Erbschaft alleine antreten? Aber mir ist befohlen worden.

DER BEAMTE 
Befohlen worden? Befehlen kann man nur Leuten, die wenig oder kein Geld bekommen. Mit dir hat man ein Geschäft gemacht.

PAOLINO 
Entweihen Sie nicht die Kunst!

DER BEAMTE 
Und Sie haben bei diesem Geschäft Betrügereien begangen, vor denen Sie keine Gesandtschaft schützen wird.

PAOLINO 
Ah, er verargt mir die Gänsekeulen. Ich hab es mir gedacht! Hör zu, du Sohne einer frischen Revolution. Merke dir, was ich dir sage, und kannst der jungen Regierung helfen, Fehler zu vermeiden, in die noch jedes Staatswesen im Laufe der Weltgeschichte verfallen ist!
Ich bin der Sohn eines Tagelöhners. Ich habe gehungert von der Mutterbrust an. Ich habe gehungert in meiner Künstlerexistenz als Bildhauer zwanzig Jahre lang. Meine arme Frau mit mir, die Kinder…

TOVO 
Du hast doch gar keine Kinder!

PAOLINO (winkt ungehalten ab:) 
Was tut’s zur Sache im Augenblick. Wir haben gehungert, die ganze Familie. Und in diesen Hunger kam der Auftrag des Großen Vat… des Dings hier. (Er deutet nach oben.)
Ich rang mit mir drei Tage und Nächte. Schließlich gab ich nach. Die Aussicht auf Nahrung war zu verlockend. Weißt du, was ich getan habe, bebrillter Jüngling? Ich habe meine Kunst geopfert! Ich bin kein Nutznießer des – Dings da gewesen, wie es eine primitive Rache vielleicht hinstellen will. Ich bin ein Opfer deines Großen Vaters!

DER BEAMTE 
Nicht wahr: meines!

PAOLINO 
Geopfert und gelitten habe ich. Und da redest du vom letzten Stündlein und von Betrug. Du bist noch sehr jung und musst noch viel lernen.

DER BEAMTE 
Ich habe es unter diesem Aspekt allerdings nie betrachtet.

PAOLINO 
Das musst du aber! Du musst der Tragödie eines Künstlers, wie sie sich hier vor dir abspielt, ins Auge schauen. Das erlebst du nicht alle Tage!
Weißt du, was da (Er deutet nach oben.) an Verlusten drinsteckt? Dreißig Madonnen, fünfzig Mal Christi Leiden am Kreuz, nicht zu reden von Jünglingsköpfen, Grabsteinen, Rehen und anderen Tieren und dem Porträt meiner Frau Marta, das zu modellieren ich bei der Hochzeit ihren Eltern heilig versprach. Die Eltern sind tot. Ich bin (Er deutet nach oben.) seinetwegen wortbrüchig geworden und kann’s erst beim Jüngsten n Gericht wiedergutmachen.
Und da redest du vom letzten Stündlein und Betrügereien.

DER BEAMTE 
Ich habe nur vom Stündlein gesprochen, nicht von letzten. Ich war nur ein kleiner Beamter im Finanzministerium. Auch jetzt bin ich wiederum nur ein kleiner Arm am Hebel der großen Revolution. Ich habe nichts zu entscheiden. Das Tribunal schickt mich mit der Frage: Was gedenkt Meister Paolino zu tun, damit das Riesenärgernis aus Stein wieder verschwindet?

PAOLINO 
Hm. Hat das Tribunal ausdrücklich Meister gesagt? 

DER BEAMTE 
Ich glaube, ja.

PAOLINO 
Nun, ich habe gesündigt. Es wird dem Menschen nur selten Gelegenheit gegeben, die Zeichen der Sünde, die er zum Ärger Gottes aufgerichtet hat, wieder abtragen zu können.

DER BEAMTE
Kann man es sprengen?

PAOLINO
Sprengen? Wie stellt man sich das vor? Dass der Verhasste die Dächer der ganzen Nachbarschaft einschlägt?

DER BEAMTE 
Der Verhasste?

PAOLINO 
Nun er, hier, der Gestürzte. In der Politik macht sich das leichter als in der Kunst. Vielleicht kann man Teile sprengen, die großen Füße hier zum Beispiel. Aber das meiste muss abgetragen werden, sorgfältig und fachgerecht. Im Sinne einer echten Buße und Reue.

DER BEAMTE 
Und du würdest den Abbau übernehmen?

PAOLINO 
Wenn ein hohes Tribunal mich für würdig befindet? 

DER BEAMTE 
Würdig oder nicht. Kannst du es? Bist du Fachmann? 

PAOLINO 
Das will ich meinen.

DER BEAMTE 
Wirst du Material und Werte des neuen Staates erhalten?

PAOLINO 
Ich gelobe es.

DER BEAMTE 
Ohne Bezahlung?

PAOLINO 
Würde ich büßen können als Eremit, ich verzichtete auf jeden Mammon und nährte mich von Kräutern und Quellwasser. Aber ich soll büßen in schwerer körperlicher Fron. 

DER BEAMTE 
Gänsekeulen. 

PAOLINO  
Wir wollen die Stunde der Reinigung vom Götzendienst nicht durch Frivolitäten entweihen. Nicht Gänsekeulen, auch nicht Brust und Sterz. Ich weiß, was Buße ist, bin zu echten Opfern bereit. Erdäpfel als Hauptnahrung. Ein bisschen Fleisch vom Rossschlachter, nur ab und zu etwas, woran man die Gewürze streuen kann. Polenta…  

DER BEAMTE 
Gut. Ich gebe dem Tribunal Bescheid.

PAOLINO 
Können Sie Zahlen nennen? 

DER BEAMTE 
Was für Zahlen?

PAOLINO 
Ich meine – Geldzahlen.

DER BEAMTE 
Für Pferdefleisch und Polenta soll es reichen.

TOVO 
Auch für uns.

DER BEAMTE 
Wenn Sie dem Meister die Treue halten wollen?

FRANCESCO 
Nein, das ist anders!

DER BEAMTE 
Ich verstehe schon: Mitgehangen – mitgefangen. Allein wird es Meister Paolino ja sowieso nicht bewältigen können.

PAOLINO 
Natürlich nicht.

DER BEAMTE 
Also: angemessener Lohn für alle. Bis morgen. (Er geht.)

Man steht ein bisschen bedrückt herum.

PAOLINO 
Tut mir leid: mehr konnte ich nicht für euch tun.

FRANCESCO
Halt endlich das Maul, Paolino! Du hast doch gar nichts getan für uns!

LEONIDAS 
Tovo hat doch für uns fünf geredet.

FIRMIAN  (setzt sich müde irgendwo hin.) 
Polenta und Pferdefleisch hatte ich bei meinen Grabsteinen auch.

PAOLINO 
Wenn wir ganz großes Glück haben, kommt ja auch schon bald ein neuer Diktator. 

HESPER (schaut zur Statue hinauf.) 
Wird ganz schön gefährlich werden, da oben.

PAOLINO 
Gefährlich, sagst du? (Er ruft dem Beamten nach:) Hallo, junger Freund! Erzählen Sie dem Tribunal, dass ich mein Leben riskieren werde, beim Abbau. (Mit einem erschrockenen Blick auf die anderen:) Ich meine, wir! Wir…! Gefahrenzulage, nicht wahr? Ich werde gegen Bezahlung mein Leben wagen für die neue Republik oder Demokratie – oder was das werden wird…

Ende

© Peter Podehl

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