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Erinnerungen 17 bis 18
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Erinnerung 17
Die Schauspielschulen, die des Deutschen Theaters in Berlin, die des Burgtheaters in Wien. Der Wechsel von der einen zur anderen kam zustande, weil mein Vater die UFA verließ und in Wien bei Hartl in der Wien-Film Produktionsleiter wurde, worüber er wohl sehr glücklich war. Die Existenz als Chefdramaturg der UFA war durch den ‚Reichsfilmdramaturgen’ politisch sehr problematisch geworden. Dennoch: war ja eine dicke Veränderung. Vor nicht langer Zeit hatten wir das Haus Eichkatzweg 63 in Eichkamp gekauft, da mussten wir nun raus. Der Krieg hatte angefangen. Von Berlin nach Wien fuhr man über Prag. Wie wir an die Wohnung 7/7/15 im Hochhaus in der Herrengasse geraten waren, weiß ich nicht. Sie war möbliert, nicht sehr aufregend.
Wien wurde nicht bombardiert, es kannte keine Verdunkelung. Ich habe die Stadt sehr geliebt. Baldur von Schirach versuchte, ein liberaler Statthalter zu sein, was kaum gelang. Noch heute gibt es die Mähr, dass Österreich von Hitler erobert wurde, was so simpel gewiss nicht stimmt: sehr viele Österreicher haben ihm zugejubelt. Ich hatte auf dem Postscheckamt (oder was?) Geld abzuholen. Ich wusste, dass es 24 Stunden geöffnet ist. Ich ging in ziemlich später Nacht dorthin, einfach, weil das beleuchtete Wien so schön war.
Die Schauspielschule residierte im Palais Cumberland (das wurde nicht sehr britisch ausgesprochen), sehr nahe am Schloss Schönbrunn. Mit wie viel Lust fuhr ich dort mit der Straßenbahn hin: Zu Fuß vom Hochhaus zum Neumarkt. Musste ich umsteigen? Weiß ich nicht mehr. Über den Gürtel hinaus fuhr ich. Das gab immer wieder Anlass zu frivolen Späßchen. Naja, über den Gürtel hinaus… Ich weiß nicht mehr, an welcher Haltestelle ich ausstieg. Im alten Palais gab man die Garderobe ab, die garderobenverwaltenden Damen dort waren aus k.u.k.-Ländern: Tante Kratochvil und – weiß ich den Namen der zweiten nicht mehr. Aber Kratochvil ist doch schön genug.
Wir hatten hervorragende Lehrer. Der liebste war mir Alfred Neugebauer. Er spielte im Theater in der Josefstadt. Adolf Rott hatte meine große Liebe, war ein Vulkan, verblüffte mit gewagten Sprüchen. Fred Liewehr war der romantische Held des Burgtheaters. Da ich es mit Helden weniger hatte, hatte ich bei ihm nie Unterricht. Eddy Volters war auch Burgschauspieler, Frau Balser unterrichtete Spracherziehung, da war auch noch eine Frau Hrubesch, ein Mordstrumm von einem Weib. Und der Boss der Schule, Dr. Niederführ, war auch Lehrer. Ihm klebte das Parteiabzeichen am Revers. Er hatte einen schlimmen Hinkefuß und kuckte immer ein bisschen verschielt um die Ecke und sabberte etwas, war aber kein schlechter Lehrer.
Wir Studenten lernten Texte und sprachen vor, wurden kritisiert, und es wurde uns geholfen (oder nicht). Alle Kommilitonen saßen als Zuschauer dabei. Ich sprach mit der geliebten Sophie – etliche Jahre älter – eine Szene aus dem ARZT AM SCHEIDEWEG vor, könnte aber auch aus MAN KANN NIE WISSEN gewesen sein. Ich hatte mich des Längeren über Chemie (in Österreich Kemie) ausgelassen und gestand ihr dann: „Sie ziehen mich unwiderstehlich an – chemisch,“ was einen beachtlichen frühen Lacher auslöste. Ich sprach den Dupedat vor, der ist aus dem ARZT AM SCHEIDEWEG. Sehr viel später den Peer Bille aus Curt Goetz’ HOKUSPOKUS mit Biggy. Die war einen Jahrgang älter, also Schuljahrgang.
Ja, Sophie, von mir meistens Sophia genannt, eine große Liebe, ich habs ihr sogar gesagt und sie antwortete die Rätselworte: „Da ist entweder zu viel oder zu wenig.“ Was sollte ich damit anfangen? Sie war verheiratet mit einem Schrott-Großhändler. Sie war Griechin, etwas maskulin. Ich muss noch Folgendes gestehen: sie stand vor mir, kam aus der Dusche, nur mit einem weißen Badelaken bekleidet und öffnete den Mund. Aber ich schlug mal wieder nicht zu, sondern zischte ab nach Hause. Ich war kein grottenschlechter Liebhaber, ich war überhaupt kein Liebhaber. (Ein schönes Wort übrigens, die Charlotte habe ich sehr lieb gehabt.) Gibt ein recht schönes Gedicht an Sophie.
Ja, wir waren ganz schön jeunesse doreé. Manchmal denke ich auch an Ortega y Gassets ‚zufriedenen jungen Mann’. aus dem AUFSTAND DER MASSEN. Ich will nicht behaupten, dass ich mich dessen schäme, aber ganz schön oberflächlich war das Alles schon auch. Und Millionen Zeitgenossen taten sich sehr viel schwerer. Und meine wunderbare Charlotte, eine wunderbare Schauspielerin, hat nie Schauspielunterricht gehabt, die war ein solches Naturtalent, nur Sprachunterricht hatte sie, um das Thüringische aus der Aussprache zu tilgen, was hervorragend gelang! Nicht mal Curt Goetz ist das je ganz gelungen, von Otto Normalverbraucher Gert Fröbe ganz zu schweigen.
Leider konnte Charlotte manchmal so ein bisschen hundgemein sein und mir vorwerfen, dass ich so eine Ausbildung hatte; da trat so ein bisschen Sozialneid zutage. Forget it! Übrigens hat Charlotte ihr Thüringisch so radikal verlernt, dass sie es nur mit Mühen wieder hervorholen konnte. Bei der Bühnenshow zum Theaterball hatte ich für sie und Eva Wagner einen Dialog geschrieben mit viel Grammond (so nannte Napoleon Apolda, weil es ihn an seine Heimat erinnerte oder an irgendeinen Platz in Frankreich), aber Charlotte tat sich schwer mit dem Dialekt. Claudia sprach mit ihrer Freundin Marianne ein derart geschertes Bayrisch, das sie heute überhaupt nicht mehr kann. Wobei die Frage ist, ob das nicht gegebenenfalls leicht wiederzuerwecken sei.
Mandela, ??
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Erinnerung 18
Nun muss ich natürlich auch Einiges über die Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin anfügen. Sie residierte im Theaterchen ‚Die Tribüne’ am Ernst-Reuter-Platz (damals Knie). Und hatte kurioserweise einen Probensaal zwei Häuser weiter, das war die Aula der Rudolf-Steiner-Schule, die es ja seit so langer Zeit nicht mehr gab und wo ich im Shakespearschen ‚Sturm’ gespielt hatte.
Kleiner Exkurs zu dieser Aufführung in Englisch. Ich hatte meinen England-Aufenthalt hinter mir und spielte zwei Rollen: den wunderbaren Liebhaber Ferdinand, der zu seiner Miranda sagt: „I beg you – chiefly to put it in my prayers – what is your name?“ – und den Trunkenbold Stefano. Dem letzteren verpasste ich in der zweiten Vorstellung ein paar Trunkenheits-Rülpser, was die Lehrkraft Fräulein Häuser veranlasste, mich vor der ganzen Klasse sehr runterzuputzen.
In dieser ehemaligen Aula unterrichtete in der Schauspielschule Oscar von Schab. Er stellte uns die Aufgabe, von der einen zur anderen Bühnenseite zu gehen und dabei deutlich zu beschleunigen oder schnell loszugehen und langsamer zu werden. Klingt einfach, war schwierig. Was war er eigentlich? Regisseur? Die Berliner Schule brachte die Bekanntschaft mit der wunderbaren Agnes Windeck, bei der ich sehr viel gelernt habe. Sie sagte: „Du darfst auf der Bühne kein Wort sagen, das du nicht vorher in deinem Inneren spürst.“ Nein, das ging wörtlich anders. Das verhindert heiße Luft. Ich machte mit ihr aus Kurt Borfeldts TROCKENKURSUS den ganzen zweiten Akt, in der zwei junge Leute in einer Alpenhütte von einer Lawine eingeschlossen sind, das Ganze nicht gefährlich. Brigitte Konopath hieß die Partnerin, der ich zeitvertreibenshalber Trockenkurs-Übungen beibrachte. Ich spielte einen Ski-Champion, sie eine Anfängerin. Wir stürzten entsetzlich übereinander, aber es geriet sehr komisch. Die Windeck ließ nichts durchgehen, arbeitete sehr präzise, ich habe viel gelernt.
Auf die Gefahr hin, dass man nun sagt: „Sei nicht albern“, – aber die Windeck liebte mich auch. Sie betonte, wie gut ich in meinem braunen Anzug aussähe, mit blauem Hemd und roter Krawatte.
Wir machten in der Schauspielschule auch den ersten Akt von WIE FÜHRE ICH EINE EHE? von Axel von Ambesser. Da spielte ich nicht Peer Bille, sondern Pille, den Carl-Heinz Schroth im Deutschen Theater spielte. War auch ein schöner Erfolg. Wie kam es eigentlich dazu, dass man mir die Schauspielerei ausreden wollte? Ich sollte mich dann mal lieber auf die Regie schmeißen. War eine Art von Mobbing. Der Chef, Hugo Werner-Kahle sagte mir so was. Fand ich gar nicht lustig. Muss aber wohl vor TROCKENKURSUS und WIE FÜRHRE ICH EINE EHE? gewesen sein. Es gab aber keine Kämpfe und Krämpfe: mein Vater ging nach Wien, und ich ging mit.
Kurz erwähnt sei noch der Gymnastikunterricht bei Frau Wienecke am Ku’damm, verheiratet mit dem schweren blonden Helden – Schneider hieß er, glaube ich. Da ging ich gerne hin. Einmal sagte sie zu mir: „Bist du alle Jungs?“ Wie privilegiert ich vor allen Jahrgangsgenossen war, machte ich mir schon klar, aber ich hatte kein Minderwertigkeitsgefühl deshalb. Man hatte bei mir bei einer Musterung einen Herzfehler festgestellt und ich war G.v.H. geschrieben. Das klingt heute sehr unverständlich. K.v. war ‚Kriegsverwendungsfähig’ und bedeutete Front. G.v.H. hieß ‚Garnisonsverwendungsfähig Heimat’. Damit blieb ich eine schöne Weile der deutschen Wehrmacht fern. Ende ’42 erwischte es mich dann doch. Früher nachzulesen.
Rosi spendierte mir die S-Bahn-Monatskarte 2. Klasse. Dazu muss man wissen, dass es damals noch die dritte Klasse gab. Die erste gab es, glaube ich, in der S-Bahn gar nicht.
Mandela, ??