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Erinnerungen 9 bis 11
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Die Vorstellung von aufsteigenden Inseln aus
dem Meer der Vergangenheit tut
mir besonders wohl. – Was hebt sich da empor?
Erinnerung 9
La Mortola und Andeer
Wie sind wir nach La Mortola gekommen? Es war eine geliebte Unterkunft, Parco Floreana. Wir wollten verreisen, zum ersten Mal von München aus, mit den Finanzen stand es nicht gut, aber irgendwas konnten wir abzwacken. Ich suchte in einem Reisebüro im Innenhof der Maxburg rum. Da fiel mir ein kleiner Prospekt des Parco Floreana in La Mortola in die Hände, Schreibmaschine auf Saugpost vervielfältigt. Preiswert, preiswert!… Mit dem grünen VW-Käfer, den Claudia “Herr Blumenstiel” nannte, fuhren wir los, übernachteten irgendwo hinter Mailand, wo wir nachts per Zimmertelefon rausgeklingelt wurden, weil ich das Licht am Auto hatte brennen lassen. Charlotte wollte mich gar nicht gehen lassen, witterte Verbrechen. Wir fuhren am nächsten Tag an der hinreißend schönen Riviera entlang, kamen durch Ventimiglia. Und dann nach La Mortola di Ventimiglia. Wegweiser zum Parco Florena, ging rechts nach rückwärts steil den Berg hinauf. Ich fuhr ein Stück weiter, wendete und ließ den Käfer klettern. War gar nicht so steil. Oben ein sehr liebenswürdiger, wenn auch etwas versponnener Holländer. Vier Betten zusammen 10 Mark. Die Geldbörse jauchzte. Sehr primitiv, sehr schön.
Wir waren sehr glücklich dort, Prospekt, wie gesagt, in einem Reisebüro im Innenhof der Maxburg gefunden. La Mortola ist ein sehr kleiner, sehr malerischer Ort mit zwei Hotels und einem Gemischtwarenladen – Alimentari. Wir waren so arm, dass Charlotte alles selber kochte. Da war eine Familie aus Rendsburg, er war Lehrer, die empfahlen uns, doch einmal zum Tintenfisch-Essen nach Ventimiglia zu fahren. Machten wir, wir betraten das Lokal um 18 Uhr, viel viel zu früh, wie uns bedeutet wurde. Tintenfisch war gut. Das war unser high-life an der Riviera, 1958 oder 1959? Naja, wir kauften schon für Charlotte die Königin-von-Saba-Sandalen und einen tollen Gürtel.
Wir sind dann noch etliche Male in den Parco Floreana gefahren, immer in den Osterferien, Luft war meist schön warm, Meerwasser war ganz schön kalt. Aber wir badeten trotzdem. Vom Parco ging man runter auf die Durchfahrtstraße, dann weiter am Park der Villa Hanbury vorbei an den Strand. Steinstrand. Irgendwo ein Dante-Zitat an der Mauer: ‚Tra Lerici et Turbia, la piu romita, la piu diserta via è una scala, verso di quella, agevole ed aperta.’ Naja, also ganz so schlimm war es eigentlich nicht.
Irgendwann zitierten Claudia und Thomas den Lyriker Podehl:
‘Ein Molekül
Ging im Gewühl
Auf und ab.
Indes ein Atom
Lichtzeichen gab.’
Ganz raffiniert machten sie das: Jeder sprach immer nur ein Wort, dann der andere das nächste, nach einiger Übung ganz ungeheuer schnell, was sehr komisch klang.
Ich hatte das für Werner Uschkurat geschrieben, der in unserem Feuilleton-Film AUS DEM LEBEN EINES BLEISTIFTS einen Dichter spielte, der auf einer Bank im Englischen Garten saß und – dichtete. Wir haben schon Sachen gemacht… Schöne, liebenswürdige, heitere, verhältnismäßig wenig Mist, manchmal vielleicht ein bisschen Krampf.
Satyrsp.: Wir waren alle im Alimentari, als ein Mann mit beachtlichem Schnurrbart, auf den er offensichtlich sehr stolz war, reinkam. Charlottte gluckste leise vor sich hin, durchaus verständlich: „Schnurrbartolo.“ Als sie erfuhr, dass er ein Dolmetscher im vornehmen Hotel war, war ihr das ein bisschen peinlich. Aber nur ein bisschen. Spaß siegte über Pein.
Irgendwann, Jahre später, fuhren Charlotte und ich da noch mal hin, um zu erkunden, ob es als Feriendomizil für Thomas passt. Wir waren wohl auf der Reise nach Rom. Da wars vollkommen verändert. Ich mutmaßte gar, dass es ein Schmuggel-Versteck geworden war. Aber man bot uns schon noch Quartier an. Aber wir empfahlen es den Schmidts nicht.
Später war unser Osterquartier für viele Jahre Andeer in Graubünden. Da kamen auch die Schmidts hin, und die Knaben lernten Skilaufen. Aus Peters Kasse. Das war ganz was Anderes, Hapimag, aber von Hapimag etwas lässig verwaltet. Es war den Oberen wohl nicht fein genug. Als es aufgegeben werden sollte, protestierten einige Aktionäre. Da ruderte Hapimag ganz schnell zurück. Andeer hat ein herrliches Thermalbad, das wurde eines Tages noch rausgebaut, na ja, schon auch ausgebaut, aber eben nach draußen, man dampfte in der Winterluft. War ein teures Vergnügen, aus Peters Kasse. Die Knaben sind keine Skiläufer geworden, haben es gelernt, aber dann nicht systematisch verfolgt. Lange hatte ich Sehnsucht, noch einmal nach Andeer zu fahren, war dann ein letztes Mal mit Viereckes da. Was sagte Thomas, als er zum ersten Mal bei uns in Andeer ankam: „Ein schönes Tal habt ihr euch da ausgesucht.“ Zum Skilaufen fuhren wir jeden Tag nach Splügen, das um Einiges höher liegt. Am allerersten Tag war Sebastian ganz verwirrt, rutschte auf den langen Brettern rum und sagte: „Da kann man ja gar nicht stehen.“ Drei Stunden später rutschte er schon den Übungshang hinunter. Die Ollen blieben in Splügen immer Zuschauer. Der Skilehrer war ein Bauer, sehr gut aussehend und mit einigem Sex-Appeal. Er endete fast jeden Satz mit einem sehr schwyzerischen „Oder?“
Einmal in jedem Urlaub gingen wir Käsefondue essen. Es sind sehr geliebte Erinnerungen. Und einmal in jedem Urlaub fuhren wir über den Bernina-Pass ins Tessin, ins schöne Ascona mit der wunderbaren Uferpromenade. Die einen zählten die Mimosenbüsche, die anderen die blühenden Magnolienbäume. Mensch, det is allet so weit weg…
Mandela….???…
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Erinnerung 10
Wer mir gefällt – und wer nicht
Nach der Generalprobe von FAUST II in Weimar macht Stefan Moses Szenenfotos, auch eins von Lothar Müthel als Mephisto und mir als Baccalaureus. Und mich bewegt seit langem die Frage: bin ich das auf dem Foto oder war ich das? Zunächst: eine müßige Frage und nicht beantwortbar. Es kommt doch auf den Standpunkt an. Ich neige eher zur Antwort: Das bin ich. Die Frage erlaubt eine Fülle von spielerischen Gedanken: Stelle ich mir vor, dass ich das Foto anschaue, dann sage ich doch eher: Das bin ich. Oder: Das war ich? Es ginge beides. Bedenke ich, dass dieser Baccalaureus ja als Erinnerung in mir drin ist, dann bin ich das. Bis zu meinem Tod. Danach kann meine Tochter sagen: „Das war mein Vater.“
Was ist denn Erinnerung? Die steckt doch, wie der Name sagt, in einem drin. Ein riesiges Reservoir – wenn man 86 ist. Die schöne große Bühne des Nationaltheaters, auf der zu spielen ich die Ehre hatte. Die Inszenierung von Hans-Robert Bortfeldt. Ich habe vorhin noch mal den Text der Szene gelesen. Das soll ich gespielt und gesagt haben? Kommt mir gar nicht mehr sehr reizvoll vor. Der Baccalaureus ist ja das Pendant zum Schüler in FAUST I, den ich auch gespielt hatte. Er hat sich heftig entwickelt: Aus dem sehr schüchternen und bescheidenen Anfänger ist ein recht vorlauter Schnösel geworden, zu dem Mephisto sagt: „Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist!“
Ich muss es einmal sagen dürfen: die ganze Goethesche Fausterei hat meine große Liebe nicht. Wenn ich an die wunderbaren Liebesbriefe denke, die Goethe an die Frau von Stein geschrieben hat, an so viele Gedichte, an die Antwort des stillen Gelehrten, der abends von einer Gesellschaft nach Hause geht und gefragt wird, wie er denn mit den Leuten zufrieden gewesen sei, und er antwortet: „Wärens Bücher, – ich hätte sie nicht gelesen.“ Ja, der Faust ist sicher ein gigantisches Opus, aber doch auch etwas spießig (so hat ihn Everding mal in den Kammerspielen inszeniert). Aber Goethes Liebe galt diesem monumentalen Stoff. Das Wort ‚inkonsumerabel’ geistert ja irgendwo rum; es ist, glaube ich, von Goethe selbst. Ich habe den Regisseur nicht beneidet. Wars eine gute Inszenierung? Nicht auch das Abarbeiten eines Bildungsauftrages? Ziemlich müßige Überlegungen. Man kann nicht das Deutsche Nationaltheater Weimar leiten und den FAUST aussparen. Der ratterte durch alle Abonnements und durch unzählige Schülervorstellungen und war im Angebot aller Weimar-Touristik.
Ach ja, da war der Herr Leptien, der leitete das Touristik-Büro, dem unterbreitete ich meine Wanderbühnen-Idee. Er fragte als erstes, wie viel Geld ich brauche. Darauf war ich nicht vorbereitet und winkte ab, dazu sei es noch zu früh. War wohl eher gut, heute, von Mandela aus betrachtet. Aber diese Wanderbühnen-Idee geisterte seit Kriegszeiten in mir herum. Oskar zeichnete noch die beiden Theatermasken dazu: diesen lachenden und den tragischen Kopf, irgendwann habe ich die Idee still begraben.
Ich möchte hier an eine Widmung von Jean Cocteau erinnern, die er der Schauspielerin und Prinzipalin Marie Bell mit auf den Weg gab, die mit dem SEIDENEN SCHUH auf Tournée ging. Wir sahen die Aufführung in Berlin im Hebbel-Theater. So, ich weiß den Text immer noch auswendig: ‚Nous souhaitons bon voyage a Marie Bell et de faire triompher notre arm secrète: la poésie.’ War gewiss eine Wahnsinnstour. Ich erinnere mich an eine hinreißend schöne szenische Lösung für die Mondphasen: eine Schauspielerin stellte den Mond dar, an jedem Arm hatte sie einen Halbmond, fast so groß wie sie selber, sie konnte die Arme schließen, bis nur eine schmale Sichel sichtbar blieb. Und sie konnte beide Arme weit ausbreiten und war ein Vollmond. Solche Erinnerungen aufzubewahren, ist ganz ganz wichtig. Son Quatsch! Wichtig ist das doch nicht! Schön ist das, tief beeindruckend. Und eben bewahrenswert.
Hebbel-Theater, da spielte meines Freundes Thomas Engel Frau, Gisela Trowe. Ich weiß das Stück nicht mehr. Ich ging – wieso? – zu einer Probe. Da kamen die Schauspieler zusammen, einer hatte eine Banane als Jausenbrot dabei. Damals Neid, ich kam aus Babelsberg, wo es keine Bananen gab. Ich bewunderte die Freiheit, wollte auch so was. Als ichs hatte, habe ich nicht mehr an den Neid von damals gedacht. Schon sehr merkwürdige Erinnerungsfetzen, die man da so aufbewahrt.
Im Hebbel-Theater auch ein Gastspiel von Thornton Wilders THE MERCHANT OF – weiß den Ort nicht mehr, Vorort von New York, eine Bearbeitung von Nestroys EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN: (Stimmt der Nestroy-Titel?). YONKERS (Anm.v.Claudia) Hinreißend schöne Inszenierung, ein junger Mann versteckt sich, als es irgendwie brenzlig wird (bei Nestroy wird es immer mal brenzlig) unter einem kleinen Tisch mit tief herunterhängender roter Decke. Was der Schauspieler anstellt mit dieser Decke, wie er sie immer wieder ausbufft, bis er eine halbwegs erträgliche Stellung gefunden hat, – Lachstürme. Der Stoff wurde dann später noch ein Film-Musical mit der so schön-hässlichen Barbara Streisand und Walter Mattau.
Am nächsten Vormittag Thornton Wilder persönlich in der Freien Universität. Unvergesslich. Ich liebte ihn ja sehr, vor allem seinen Roman DEM HIMMEL BIN ICH AUSERKOREN: Später desgleichen DER ACHTE SCHÖPFUNGSTAG. Weit weggerutscht in die Vergangenheit. Um Wilder war eine wunderbare Helligkeit, Leichtigkeit, Heiterkeit. Die Zuhörer wurden aufgefordert, Fragen auf Zetteln aufs Podium zu reichen. Eine missfiel ihm und er sagte: „So philosoffisch…“ Und unvergessen, wie er mit beiden Zeigefingern in die Höhe wies und sagte „Orientation…“ Das blieb bei Charlotte und mir für lange Zeit haften. Wunderbar, sich daran zu erinnern. Schade, dass man es nicht immer parat hat.
Mandela, …???…
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Erinnerung 11
Aretinstrasse 6
Wie Inseln aus dem Meer steigen diese Erinnerungen aus der Vergangenheit auf. Die Vergangenheit ein Meer, das ist eigentlich eine schöne Metapher. Lässt sich natürlich ausdehnen auf alle Zeit, aber die Vorstellung von aufsteigenden Inseln aus dem Meer der Vergangenheit tut mir besonders wohl.
Was hebt sich da empor? Das Haus in der Aretinstraße 6. Charlottes Horoskop: ‚In Wohnungsangelegenheiten werden sie im Leben mit Glück zu rechnen haben.’ Als sie es mieten wollte, sagte ich: „Das geht nicht. Was stellst du dir vor, wie ich jeden Monat die 300 Mark Miete beschaffen soll?“ Aus heutiger Sicht ein Hohn! Damals völlig berechtigt, denn ich war freiberuflich tätig und genaugenommen arbeitslos. Aber Charlotte bestand darauf, dort einzuziehen. Bravo! Sie argumentierte etwa: Wenn Thomas in der Nacht Klavier üben will, dann kann er das in diesem Haus, nicht aber in einer Mietwohnung. Das war natürlich ein unwiderlegbares Argument. (Ironie!) Wir zogen ein, Thomas hat nie nachts Klavier gespielt. Aber die Beschaffung der Miete kostete gelegentlich tatsächlich einige Akrobatik. Wir sammelten 50-Pfennig- und 2-Mark-Stücke als Sparbüchse für Anschaffungen. Ich erinnere mich, dass wir einmal aus diesem Topf einen Teil der Miete zusammengekratzt haben.
Wir haben das Haus über 50 Jahre bewohnt. Charlotte starb darin. Die Prinz sagte: „Sie starb in ihrem Paradies in Ihren Armen. Das ist mehr, als ich von den meisten meiner Patienten sagen kann.“ Ich blieb dann noch einige Jahre allein in dem Haus wohnen. Jetzt steht es zum Verkauf. Kein Herzweh, das Paradies verlassen zu haben.


Das Haus stand weit zurückgebaut auf dem Grundstück Aretinstraße 6. Der Grund: es entstand aus einer Laube, einer Hütte der Familie Maier, die dort ihre Wochenenden verbrachte. Das war viele Jahre lang unser Esszimmer. An diese Hütte haben dann Mayers das Haus drangebaut, wie ein Mann, der einem Schneider einen Knopf bringt und sagt, er möge dazu einen Anzug bauen. Sehr albern, die große Terasse im ersten Stock schaute nach Nordosten. Die eigentliche Küche war winzig: Spüle und Herd, aus. Der Eisschrank sehr weit weg im Flur
Die Deckenbalken dieser Küche bogen sich immer stärker nach unten, so dass wir den Architekten Franz Lichtblau, der unsere Kirche St. Emmaus gebaut hatte, um eine Beurteilung baten. Der kuckte sich alles genau an und sagte dann: „Wenn Sie hier sitzen und die Decke stürzt ein, dann landen Sie gleich im Keller.“ Da gab es natürlich kein Zögern mehr: Wir bauten um. Den Umbau beim Bauamt anzumelden, das unterließen wir. Beim Abriss der Hütte stellten sich einige Überraschungen heraus: Holz, Heraklit-Platten, morsche Balken, kein einziger Ziegel. Dann kam einer vom Bauamt zur Inspektion, vermutlich von lieben Nachbarn bestellt. Dem zeigte ich einen der morschen Balken, da ging der gleich wieder, wortlos.
Es entstand das schönste Salettl nördlich der Alpen. Salettl, ein Diminuitiv von sala. Viele Besucher waren fasziniert von der Atmosphäre des Raumes. Der olle Rademacher war noch kräftig als Installateur beteiligt. Ihm verdanken wir die Platzierung des Heizkörpers hinter der Eckbank, auf deren Durchlässigkeit unter der Sitzfläche er allerdings bestand. Lichtblau wollte uns eine ganze Wand dafür wegnehmen.
Charlotte wollte während des Umbaus in ein Hotel ziehen. Ich plädierte heftig dagegen, auch aus Kostengründen. Es wären Monate gewesen. Eine Behelfsküche wurde in Thomas’ Zimmer eingerichtet, die Tür zum verschwindenden Esszimmer verrammelt. Es ging ganz gut. Damals kam noch Frau Neumeier zu uns.
Wann war das eigentlich? Ich glaube 1979. Beide Kinder waren schon aus dem Haus, die Enkeltöchter kamen zu Besuch. Die Kosten? Ungefähr 60.000 Mark in der Planung, um einiges mehr in der Endabrechnung. Das Paradies um ein paradiesisches Salettl erweitert.
Mandela, 5.7.2008