Peter Podehl

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Hitler ist tot

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Erinnerungen 15 bis 16

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Erinnerung 15 – Hitler ist tot

Die Alliierten landen in der Normandie, ein sehr gewagtes Unternehmen, an dem Eisenhower wohl kräftig beteiligt war.Sehr große Verluste. Aber sie klammerten sich fest und eroberten dann ziemlich rasch Frankreich von den Deutschen zurück. Ich kann nicht so gut leiden, wenn die Amis mies gemacht werden. Sie haben mit ihrem Blutzoll sehr viel getan, uns von diesem entsetzlichen Hitler zu befreien. Ich hörte sehr regelmäßig den Wehrmachtsbericht und malte die Positionen des ‚Feindes’ in eine große Europakarte. Ich war eindeutig auf der Seite des Feindes und freute mich über dessen Erfolge. Und uns in der Auto-Schreibstube begann zu dämmern: Keine Stunde zu früh und keine Stunde zu spät desertieren. Das eine hätte SS-Folgen gehabt, das andere Kriegsgefangenschaft. Ich weiß gar nicht mehr, wer da noch in dieser Schreibstube saß.

     Wir wurden gegen Ende des Krieges noch viel verlegt. Die Division kam in die Kampfzone, zuerst an der Küste nach Süden, etwa La Spezia, dann viele Rückzugsbewegungen. Über den Appenin zurück an die Adriatische Küste, Comacchio-See. Ein kleiner Ort, südlich von Venedig, an einer Durchgangsstraße. Auf der gegenüberliegenden Seite residierte das medizinische Ressort des Divisionsstabes. Dort machte eine ganz reizende Person sauber, festgehalten in der Skizze MEINE GELIEBTE IST EIN DRECKSPATZ. Es gab ja immer Schreiben, die von Abteilung zu Abteilung weitergegeben wurden. Ich passte die Zeit ab, wenn der Dreckspatz drüben war und brachte dann ein entsprechendes Schreiben rüber. Mein größter Flirt in der Soldatenzeit. Wer hat etwas anderes erwartet?

     Dann löste sich die deutsche Wehrmacht auf, in Italien schneller als anderswo. Ich erinnere mich dunkel an eine kleine Ansprache eines Leutnants, der sehr vorsichtig formulierte, dass wir nun alle gehen könnten. Wohin, Sir? Stabsfeldwebel Föttinger – Stabsfeldwebel mit drei Sternen auf der Schulter ist der höchste Dienstgrad für Mannschaftssoldaten -, der Schirrmeister des Divisionsstabes lud, wer ihm lieb und teuer war, auf zwei Lastwagen und fuhr los, nach Norden. Ich war ihm lieb und teuer. Er fälschte Fahrbefehle, denn jetzt galt es, der SS nicht in die Arme zu fahren. Er hatte genug Benzin in Kanistern gehortet. Ohne viel Verabredung. Dann war der große, breite Po zu überwinden. Schafften wir irgendwie. Mit der Etsch hatten wir eigentlich nicht gerechnet, war sehr viel schwieriger als der Po. Ich saß mit einem Kumpel in einem Pkw. Und wir schafften die Etsch nicht. Wir stiegen aus und überquerten den letzten Rest einer Brücke zu Fuß, ließen unseren Wagen einfach stehen, immer in Angst vor Tieffliegerangriffen. Aber wir kamen rüber. Und nu? Die Truppe Föttinger war außer Sichtweite geraten. Wir suchten sie, das schien ein aussichtsloses Vorhaben. Äußerst prekäre Situation. Wo immer man sich meldete, – man wurde an die Front geschickt, die ja immer noch existierte. Jede Nacht übernachteten wir irgendwo, einmal gerieten wir ins Feuer einer Tieffliegerstaffel. Es gab ja keine wirksame Flugabwehr mehr. War nicht gut. Eigentlich mein einziges Erlebnis ’im Feuer des Feindes’.

     Ich hatte zu allem Überfluss eine ziemlich unangenehme Ruhr bekommen, saß viel da, um unter anderem Blut zu scheißen. Das hat mich schon sehr irritiert, aber das Thema hieß: ab nach Norden. Und eines Tages war die Ruhr weg. Wars denn Ruhr?

     Dann gerieten wir auf der Suche nach unserem Haufen auf einen großen Bauernhof. Es wimmelte von Soldaten und Fahrzeugen, wir suchten immer noch rum. Nichts. Bevor wir den Bauernhof verließen, schaute ich noch in eine Remise. Und da standen unsere Lastwagen vom Föttingerschen Divisionsstab. Und ringsumher unsere Kumpels. Sieben Schutzengel, habt Dank, jetzt noch! Weiter ging die Fahrt nach Norden mit immer neuen (gefälschten) Fahrbefehlen. Schließlich landeten wir in Vipiteno/Sterzing. Alles, was wir hörten: der Brenner ist ein Nadelöhr, die SS schickt alle unbarmherzig an die Front. Wir kuckten uns die Karte an: nach rechts rein ins Pfitschertal, nach St. Jakob. Zum Dorfpfarrer, da stellten wir die Lastwagen ab und beschlossen, zu Fuß über das Pfitscher-Joch ins Zillertal zu laufen. Wir stellten noch Wachen auf, denn es waren einige Wertgegenstände auf den Wagen, Bürokram, aber auch sowas wie Vervielfältigungsapparate. Das bekam dann alles die Gemeinde. 

       Als ich von einer Wache reinkam, hörte ich im Radio, das wir kontinuierlich laufen hatten, Wagner-Musik. (Später wurde ich darüber aufgeklärt, dass es Bruckner war, den ich ja auch nicht leiden kann.) Und dann die Nachricht vom ‚Heldentod’ des Führers im Bunker der Reichskanzlei. Ich weckte einen Kumpel, um ihm diese denn doch gravierende Nachricht mitzuteilen, aber der nölte rum und wollte nur weiterschlafen.

Mandela, 15.7.2008

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Erinnerung 16

Am nächsten Morgen dann los, ich im braunen Jackett des Dolmetschers, den wir schon längst in Italien zurückgelassen hatten, sehr wenige Habe in einem Segeltuchbeutel. Erich Kästner schildert in seinem NOTABENE, das ich sehr gerne lese, von den Strömen von Soldaten, die da nach Mayrhofen kamen. Da war ich dabei. Es war ein ziemlich beschwerlicher Alpenübergang, aber die Aussicht auf Deutschland (zunächst Österreich) war viel zu verlockend. Ich war als Unteroffizier mit zwei anderen Unteroffizieren zusammen, Roos, ehemals in der Abteilung IIb mit einer Hasenscharte, sehr pessimistisch, Mittermaier, eher optimistisch. In Mayrhofen tummelten sich deutsche Filmleute, alles genau nachzulesen bei Kästner, Marika Röck, Hannelore Schroth, Erich Kästner, der Regisseur Harald Braun, irgendwo gammelte Leni Riefenstahl herum. Auf dem Marktplatz von Mayrhofen hörten wir Churchill zum 8. Mai sprechen, das Ende des Krieges. Denn doch ein Hochgefühl! 

     Ich habe sehr oft gedacht, was passiert wäre, wenn ich zu Kästner gegangen wäre und mich vorgestellt hätte. Die beste Antwort, die mir einfiel, war: „Ihr Vater hat mir das Leben gerettet.“ Ob das wirklich so stimmt, weiß ich nicht genau, aber Kästner überlebte als Drehbuchschreiber unter den Fittichen meines Vaters, schrieb den MÜNCHHAUSEN. Er war bei den Nazis schwer in Ungnade gefallen, seine Bücher brannten 1933 auf dem grässlichen Scheiterhaufen; irgendjemand nahm ihn mit ins Zillertal, was ihm sicher das Leben gerettet hat. Hätte ich Kästner angesprochen, es gäbe wohl keine Claudia, ich wäre in München hängen geblieben – nicht das Schlechteste, hätte Charlotte nie kennen gelernt. Sehr schlecht.

  Wir dachten viel nach, wie es weitergehen sollte. Mayrhofen ist der letzte Ort im Zillertal, wir waren in einer Sackgasse, nicht weiter gefährlich, aber frustrierend. Wir wollten raus. Eines Morgens stand da ein großer offener Lastwagen, der sollte uns rausbringen. Wohin genau, wusste niemand, außer dem Fahrer. In letzter Sekunde sprang noch Leni Riefenstahl auf. Die sprang auch irgendwo wieder ab. Vielleicht wusste sie, wo die Fahrt enden würde. In einem Lager ganz nahe bei Kufstein, umzäunt, kein Entkommen möglich. Unteroffizier Mittermaier sagte zu dem Fahrer: „Mit dir fahren wir nochmal!“ Wir erhielten den status ‚entwaffneter Deutscher’, über den ich ja schon berichtet habe. Es gab sehr wenig zu essen! 

      Aber es gab sehr bald ein Kabarett. Über den Lagerlautsprecher wurden alle aufgerufen, die sich berufen fühlten mitzumachen. Da meldeten sich ein Schauspieler und Regisseur aus Weimar (welch frühe Begegnung!), Antroposoph, ein Operettentenor aus Hamburg, ein Artist und Tänzer, ein Akkordeonspieler. Sehr witzig, dass einige fragten, ob denn auch ‚Hungerkünstler’ willkommen seien. Die US-Obrigkeit förderte uns, wir halfen die Langweile zu vertreiben.

      Auf irgendeinem Brettergerüst eine erste Vorstellung. Wir hatten uns schon eine ganze Menge ausgedacht. Ich machte den Conferencier und kündigte den Akkordeonspieler an, der spielte, dann sagte ich ihn wieder an. Das schickte ich voraus: wir hätten uns verkracht, leider würde das nun eine etwas sterile Angelegenheit. Dann stürmten alle anderen die Bühne, das mit ‚verkracht’ war ein Scherz. Und wir sangen aus voller Brust: „Ja, das Studium der Weiber ist schwer…“ und tanzten auch ein bisschen dazu. Große Hilfe von dem Operettentenor aus Hamburg, der aber den genauen Text auch nicht mehr wusste, so dass folgendes Gebräu entstand:

  „Ja, das Studium der Weiber ist schwer,
      nimmt uns Männer verteufelt auch her,     
doc h der schönste-he Zeit-vehertreib
       ist das Weib, Weib, Wei-heib.“  

       Ich hörte, wie eine Wehrmachtshelferin zu einem sagte, der ihr die Sicht wegnahm: „Mann, setz dich doch woanders hin, ich will doch auch was von den Männerbeinen haben.“ Das wäre so ein Satz für Max Frisch gewesen, dem seine Mutter riet, nicht mehr über Frauen zu schreiben, er verstünde sie nicht. Ich verstehe sie ja auch erst seit kurzem. Kühne Behauptung.

     Wir tingelten im ziemlich großen Umkreis. Das fand erst ein Ende, als wir verlegt wurden, auf einen Bauernhof in der Nähe von München. Wie die Bauern uns ertragen haben, ist mir ein Rätsel. Diese Horde war wirklich nicht fein. Ich ging einfach rein und spielte Klavier, Mozart, diesen langsamen Satz aus – ja, wie heißt die Sonate?, – habe ich bis zuletzt gerne gespielt. Und ich saß oft unter einem Baum und fing an, KOMMEN UND GEHEN zu schreiben, war eine Baumreihe am Feldrand, sehr schön. Irgendwann bin ich nach 1955 mit Charlotte da noch mal hingefahren, war aber nicht sehr beeindruckend.

     Von da ging es eines Tages in das Entlassungszelt, mit dem diese Erinnerungen als ‚Erinnerung 1’ beginnen…

     Mandela, 17.7.2008

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Erinnerungen 17 bis 18: Schauspielschulen und Verliebtheiten