Ich und fast alle meine Ärzte – Das Stück
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Ich und fast alle meine Ärzte
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Ungerechte Farce
für
eine Frauensperson
von
Peter Podehl
©
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DIE FRAUENSPERSON ist von oben nach unten zweigeteilt kostümiert: die eine Seite ist Patientin in wenig auffälligem Straßenkleid oder Kostüm, die andere ist Arzt in weißem Kittel. Die Arztseite lässt sich durch halbe Brille, halbes Operationsmützchen, halben Mundschutz oder andere halbierte Requisiten variieren.
Ein Cape, das völlig neutralisiert, steht zur Verfügung; es kann auch ein Maximantel sein, mit Kapuze. Natürlich kann und wird die Frauensperson nicht immer nur exakt das eine oder andere Profil präsentieren; alle Überlappungen, alle Halbprofile sind schön und versinnbildlichen das Leiden des Arztes und das Heilsein der Patientin: die Einheit, den Eros der Krankheit.
DIE BÜHNE ist ein schräg nach vorne geneigtes Podest. Am vorderen Podestrand stecken, ziemlich weit rechts und links außen, zwei halbe Flachfiguren: die jeweils andere Hälfte von Arzt und Patientin mit echten Textilien und vielleicht Haaren, Sonstiges, gezeichnet. Tritt die Frauensperson hinter so eine Halbfigur, wird sie sozusagen halbganz: sie bleibt halb, weil die Flachfigur ja leblos ist, sie wird ganz, weil die einheitliche Kleidung solchen Schein erweckt. Die Arme beider Halbfiguren – jeweils also einer – sind zum Ärmel ausgebildet, so dass die Frauensperson reinschlüpfen und mit beiden Armen und Händen agieren kann. Zwei Scharniere in Knie- und Hüftgegend erlauben der Figur abzuknicken, also eine sitzende Haltung einzunehmen; wenn die Frau sich dahinter auf einen Schemel setzt und die Halbfigur sozusagen auf den Schoß nimmt, dann kann sie sogar Arztbein über Arztbein schlagen. Ansonsten erlauben die Scharniere den völligen Zusammenbruch der Figuren.
Auf dem Podest stehen Möbel, Utensilien, Requisiten für Krankheit und Gesundwerdung wie in einem Schaufenster oder einer Ausstellung, also nicht organisch wie in einem Zimmer, aber doch sehr ordentlich herum. Kleine Glühlämpchen, die zu Anfang und bei Szeneneinschnitt und Arztwechsel an- und ausgehen, unterstreichen Neu- und Werbewert, Blitzsauberkeit und Hygiene. Es sind im einzelnen: der Paravent, hinter dem man sich ausziehen und untersuchen lassen kann, hinter ihm eine Stufe, so dass die Frau dahinter ihren Kopf noch deutlich sehen lassen oder ganz verschwinden kann; weitere kleinere Paravents; der lange Tisch, auf Rädern drehbar, quer ist er Operationstisch oder Psychotherapeutencouch, schmal ist er Schreibtisch; etliche einfache Drehhocker, die der Frau immer wieder den raschen Wechsel von einem Profil zum anderen gestatten; ein Schrank mit Medikamenten und Instrumenten; das Nachtdienstfensterchen einer Apotheke in einem Rahmen; ein überdimensionaler Abfalleimer, dessen Deckel mit dem Fuß zu betätigen ist, unten offen, so dass die Frau unter dem Podest rauskriechen kann; eine große Pauke, sowohl mit dem Fuß zu betätigen, als auch mit einem dicken Schlegel.
Irgendwo hängt eine Scheibe, ähnlich den Parkscheiben, auf denen der Autofahrer seine jeweilige Parkzeit einstellen kann, mit der festen Aufschrift ‘Arzt Nummero’, diese Nummer ist darunter einzustellen zu Anfang ist keine Nummer zu sehen.
DIE FRAUENSPERSON kommt von hinten über eine Treppe auf das Podest gestiegen. Sie hat die neutralisierende Kleidung mit Kapuze an. Sie geht umher und betrachtet einige Stücke der Ausstattung: Möbel, Geräte, sie zieht eine Schublade auf, probiert die Klappenmechanik der Halbfiguren, ohne jedoch schon ihre Funktionen zu demonstrieren, sie trommelt mit den Fingern über die Pauke. Ein Glühlämpchen hält sie sich an, schaut in den Spiegel, ob es als Bijouterie taugt; es taugt nicht. Dieses ganze Inventar ist kein erstauntes Zur-Kenntnis-Nehmen, sondern mehr eine Art Überprüfung, ob auch alles da ist und funktioniert. Sie kann dabei Schlager oder sonst was summen. Schließlich geht sie hinter den großen Paravent, nicht auf die Stufe, also ganz verschwindend. Sie zieht den Mantel aus, legt ihn über den Paravent und kommt auf der anderen Seite als Patientin wieder hervor:
Guten Tag, Herr Doktor, mir fehlt was.
DIE FRAUENSPERSON zieht sich zurück, ohne dass die Arztseite sichtbar wird, dreht sich um und kommt möglichst rasch auf der anderen Seite des Paravents als Arzt hervor:
Guten Tag, gnädige Frau Patientin, was fehlt Ihnen denn?
DIE FRAUENSPERSON zieht sich zurück, jetzt auf die Stufe, so dass der Kopf sichtbar bleibt, dreht sich ruckartig um und sagt als Patientin bissig:
Das müssen Sie doch wissen. Sie sind doch Arzt!
Sie dreht sich ruckartig um und sagt als Arzt etwas eingeschüchtert:
Freilich, natürlich, jaja…
Auch dieses Hin und Her war eine Art Ausprobieren des dramatischen Prinzips. Die Frau geht von der Stufe herunter, so dass sie hinter dem Paravent verschwindet, hustet, etwas unecht, macht ein zunächst unverständliches:
S-s-s-s-s- …
hält einen großen Taschenspiegel über den Paraventrand, mit dem sie sich, was akustisch halbwegs deutlich wird, bei ausgestreckter Zunge in den Hals zu schauen versucht. Dann geht der Spiegel runter. Sie schnarcht zwei Atemzüge lang, gibt etwas theatralische Schmerzen kund:
Au-au-au-au-oh!…
… stellt die Uhr auf ‘1’, geht zur Pauke, wobei sie zum ersten Mal ihre Zweiteiligkeit dem Zuschauer präsentiert, haut mit dem Schlegel kräftig drauf. Dann geht sie als Patientin an den schmal stehenden Tisch und fängt an:
Guten Tag, Herr Doktor, ich habe ein Sausen in den Ohren.
Sie geht auf die andere Seite des Tisches und setzt sich:
Guten Tag, gnädige Frau Patientin, mehr nicht als ein Sausen in den Ohren?
Sie geht wieder auf die andere Seite des Tisches. Dieser in der ganzen Farce immer wieder vorkommende Wechsel wird künftig mit “Arzt” und “Patientin” signalisiert. Dabei darf es ruhig vorkommen, dass das Ende eines Satzes der Patientin schon auf dem Weg zur Arztposition gesprochen wird oder umgekehrt. Vielleicht ist auch hier der Ort zu sagen, dass die Farce viel inneres Tempo in Sprache und Aktion verlangt, was nichts mit Hastigkeit zu tun hat.
Patientin:
Warten Sies doch ab! Sausen in den Ohren ist Ihnen wohl zu wenig Krankheit, was? Und wenn eines Tages alle meine guten Lebensgeister zu den Ohren raussausen und ich tot umfalle? Was dann?
Arzt:
Ich kenne in meiner langjährigen Praxis keinen Exitus durch Ohrensausen, aber freilich: – was bis heute nicht in den Lehrbüchern steht, kann morgen reinkommen.
Patientin:
Ich möchte aber nicht als beispielhafte Tote in die Lehrbücher eingehen, sondern möchte gesund werden und nicht als beispielhafte Tote in die Lehrbücher eingehen, sondern gesund möchte ich werden und nicht in die Lehrbücher eingehen, sondern gesund möchte ich werden und nicht eingehen als – sondern – nicht – als- sondern…
Arzt:
Vollkommen berechtigter Wunsch. Nun erzählen Sie mal schön der Reihe nach vom ersten Auftreten Ihres Ohrensausens bis heute.
Patientin, anmaßend:
Sie wollen die Anamnese, sagen Sie das doch gleich. Also: seit den Masern habe ich manchmal ein Sausen in den Ohren in der Dämmerung.
Arzt:
In der Dämmerung? Hm…
Patientin:
Mit Dämmerung wollte ich zusammenfassend sagen: morgens und abends.
Arzt:
Ach so. Sie drücken sich so sonderbar aus. Sonstige Beschwerden?
Patientin:
Ja, ich schnarche und habe immer Angst, dass sich dabei eines Nachts die Karotis um die Trachäa windet, wie Efeu, verstehen Sie, und mich erwürgt.
Arzt:
Ha, auch das wäre der erste Fall in der Geschichte des Efeus – ich meine: der Medizin. Wir rechnen Schnarchen überhaupt nicht zu den eigentlichen Krankheiten oder Beschwerden.
Patientin:
So? Und mein Mann? Der beschwert sich allerdings neuerdings. Der hats festgestellt nämlich, überhaupt, natürlich, wer denn sonst? Man hört sich ja nicht selber schnarchen, weil man schläft, sondern braucht einen, in der Bettnähe, der nicht schläft, beziehungsweise später einschläft oder früher aufwacht, gegebenenfalls geweckt von ebendemselben Schnarchen des lieben Partners. Deswegen lauert ja etwas so Geheimnisvolles um das Schnarchen von Junggesellen, was die so ungehört verschnarchen, ebenso Eheleute in getrennten –
DIE FRAUENSPERSON steht mitten im Satz auf, dreht sich um und sagt als
Arzt:
Na, dann wollen wir mal da hineinschauen ins Schnarchinstrument. Da rüber bitte.
Sie dreht sich um und sagt als Patientin auf dem Wege zum Instrumentenschrank:
Ob da viel zu schauen ist, Herr Doktor… es ist mehr so ein S-s-s-s-s, akustisch, wissen Sie, und äh…
Sie steht beim Instrumentenschrank. Entweder öffnet sie dessen Schublade nach Drehung in die Arztposition. Sie kann aber auch als Patientin vor der Schublade angekommen sein; dann dreht sie den ganzen Schrank unter Gepolter so um, dass sie nun als Arzt davor steht. Jedenfalls macht sie beim Öffnen einen ziemlichen Instrumentenlärm. Sie setzt den HNO-Spiegel auf den Kopf, holt Holzplättchen und eine Menge blitzende Instrumente heraus, ist aber gleich nach der Drehung im Dialog fortgefahren.
Arzt:
Gnädige Frau, Ihr S-s-s-s-s mag mich auf die Spur setzen, medizinisch-akademisch taugt es wenig. Ich kann auch nicht Ihr Ohr rausnehmen und mir einsetzen. Und schon gar nicht werde ich je in der Nacht in den Genuss oder die Beschwerde Ihres Schnarchens geraten. Haha.
DIE FRAUENSPERSON geht zur Arztfigur, schlüpft in den Ärmel und setzt sich:
Nun machen Sie doch mal den Anfang Ihres Verdauungsweges, will sagen: Mund schön weit auf.
Sie untersucht die imaginär vor ihr, also in Richtung und mit dem Rücken zum Publikum sitzende Patientin – die im Folgenden nur akustisch reagiert, – indem sie ihr Holzplättchen und immer mehr Instrumente in den Mund steckt. All das sollte nicht im geringsten Fachgerechtigkeit erheben. Im Gegenteil: Je törichter Geste und Worte gehandhabt werden, desto mehr ist die Farce in ihrem Recht. Zunächst einige optimistisch gefärbte aber undeutbare:
H – Aha – M – ahm… Sind denn die süßen Mandelchen mal gekappt worden?
Patientin, Instrumente im Mund:
Gein.
Arzt untersucht weiter:
Das sollte aber zumindest … Hmhm – Aha…
Patientin, weiter gequetscht:
Gagn Gie gie Gaugegelle gon gegungen?
Arzt:
Freilich, nicht nur Verdauungsanfang, Nahrungseingang ist der Mund, sondern auch Wortort, Sprachausgang.
Er nimmt die Instrumente ‘raus’, hält sie sozusagen im Anschlag und bei folgendem Satz ganz ruhig.
Patientin streckt ihr Profil neben dem Arm hervor:
Ob Sie die Sausequelle schon gefunden haben? Sie sagten Aha.
Sie schlüpft mit dem Gesicht wieder zurück.
Arzt:
Nein, noch nicht.
Er hebt die Instrument bedrohlich hoch:
Darf ich noch einmal in den Schlund tauchen? Weit auf, bitte.
Er stößt mit den Instrumenten wieder vor:
Hm, prächtiges Vestibulum, überhaupt das ganze Corvum orbis, sehr hübsches Zäpfchen, na und das Gaumensegel erst…
Die Patientin tut einen kräftigen Spuck. Der Arzt lässt die Instrumente fallen und wird gleichsam aus der Arztfigur angespuckt.
DIE FRAUENSPERSON schiebt den Schemel hinter der Figur weg, setzt sich und sagt unter einem Mundwischen als
Patientin:
Verzeihen und gestatten Sie, dass ich spucke, Herr Doktor, aber ich bin nicht zu Ihnen gekommen, damit Sie meine orale Inneneinrichtung bewundern, sondern damit Sie mich von meinem S-s-s-s-s im Ohr in der Dämmerung befreien.
DIE FRAUENSPERSON dreht sich auf dem Schemel um 180 Grad und sagt ganz überlegen als
Arzt:
Gut, nehmen wir mal an, ich hätte das Ohr auch untersucht, dann sage ich als Aurikulärmediziner Folgendes zu Ihnen: Gnädige Frau, ein organlicher Befund besteht offensichtlich nicht.
Patientin:
Was fehlt mir also?
Arzt:
Ohrensausen, sagten Sie doch.
Patientin:
Sagte ich, ja, aber was sagen Sie?
Arzt:
Das Ohr ist kerngesund. Kein Orthostasesyndrom. Wahrscheinlich hängt’s am Kreislauf. Die Zehennägel werden nicht mehr genügend durchblutet. Das schlägt sich aufs Ohr.
Patientin geht zum Schreibtisch und fragt:
Was ist also zu tun, Herr Doktor?
Arzt schreibt ein Rezept:
Ich schreibe Ihnen ein paar Tropfen auf, die Sie rasch von Ihrem Leiden befreien werden.
Er hält ihr das Rezept hin.
DIE FRAUENSPERSON wechselt es im Hinübergehen in die andere Hand und sagt als Patientin auf der anderen Tischseite:
Dankeschön, Herr Doktor, Aufwiedersehn. Oh, ins Ohr die Tropfen, Herr Doktor, oder ins Maul?
Arzt:
Maul – äh: Ovum, Ovum, Mund!
DIE FRAUENSPERSON haut auf die Pauke, klemmt den Spiegel an den Arztoberarm, greift eine Medikamentenpackung, geht zur Patientinfigur, schlüpft in den Ärmel, öffnet die Schachtel, holt den Zettel raus, liest:)
“Antidemmiaurisausum, ein hochkonzentriertes, rasch wirksames, rein pflanzliches Antiaurisausraus”.
Sie tröpfelt einige Tropfen in den Mund, schmeckt sehr gespannt. Langsam ersterbend:
S-s-s-s-Sausen weg, sehr rasch wirkend, in der Tat.
Sie stutzt:
Aber – Hat jemals jemand eine Philosophie des Aber vorgelegt? – Sausen ist weg, aber! – Sie fasst sich an den Kopf:
… mich schwindelt!
Sie schwankt und muss sich setzen:
Mich schwindelt in der Dämmerung, so dass ich mich setzen muss. Ich hasse Antidemmiaurisausum.
Sie hält das Medikament mit dramatischer Geste weit von sich:
Der Schwindel weicht, – aber…
Stärker werdend:
S-s-s-s-Sausen wieder da.
Sie liebkost die Medizinflasche:
Ich wiederliebe Antidemmiaurisausum: Sausen weg, Schwindel da, es liegt am Mittel, ich lese nach:
Sie liest auf dem Zettel:
“Gegenindikation: bei hypersensibler Konstitution ist Nebenwirkung in Form von Labyrinthschwindel und Nystagmus möglich”. Genau das ist es: mich labyrinthschwindelt und ich nystagmusse, ich darf mich hypersensibler Konstitution rühmen, der Selbsterkenntnisse ist kein Ende.
Sie liest weiter:
“Zur Behandlung solcher Nebenwirkungen empfiehlt sich die Nebeneinnahme von Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentriertes, rasch wirksames Anystagmusium, vom gleichen Hersteller, rezeptpflichtig”. Wenns weiter nichts ist.
DIE FRAUENSPERSON geht zur Pauke, haut drauf.
STIMME VOM TONBAND:
Automatischer Anrufbeantworter Praxis Doktor Eins. Doktor Eins befindet sich auf Urlaub in Puerto Costa. In dringenden Fälle vertritt ihn Doktor Zwei.
DIE FRAUENSPERSON stellt die Uhr auf 2, haut auf die Pauke und begibt sich in eine beliebige Patientinposition:
Bitte Antidotantidemmiaurisausum.
Sie trennt hinter “Antido-“, so dass “tanti” entsteht:
ein rein pflanzliches –
Sie begibt sich in eine der Patientin entsprechende Arztposition:
Guten Tag, nehmen Sie doch Platz.
Dies ist die erste kleine Irritation des forschen Planes der Patientin, schnell an das Medikament zu kommen; weitere, zunehmend größere werden folgen:
Ach so, ja Verzeihung, Guten Danke, ich meine: Tag – äh – bitte Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentrier-
Arzt:
Was haben Sie denn für Beschwerden?
Patientin:
Ach, das weiß ich schon selber, jedenfalls besser als Sie. Machen wirs uns leicht, Herr Doktor, lassen wir alle Kätzchen- und Mäuschenspiele, geben Sie mir ein Rezept für Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentriertes, rasch wirken-
Arzt:
Sie sagen immer Antido/tantidemmiaurisausum. Antidot heiß Gegenmittel, das hat nichts mit Tanti zu tun. Haha. Es heißt Antidot/antidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches und so weiter.
Patientin:
Ach nein.
In erneuerten, unerwarteten Schwierigkeiten:
Antido-tantidot-anti-demmitot-oooh!
Langsam:
Antidot/antedemmiaurisausum, …
Nun aber rasch sprudelnd:
…ein rein wirkendes, hochpflanzliches, rasch konzentriertes Anystagmusium, vom gleichen Hersteller, rezeptpflichtig, also bitte!
Arzt:
Sie sind eine etwas mühsame Patientin. Wenn Sie mich auch nur in Ermanglung von Doktor Eins aufsuchen, – deshalb dürfen Sie mich doch nicht zum Rezeptspucker degradieren. Ich muss Ihnen schon mal in H, N und O schauen.
Patientin findet das alles ziemlich lästig:
Herr Doktor Zwei, der Herr Doktor Eins hat meine HNO-Bezirke bis in die letzte Schleimhautfalte durchforscht und keinen organischen Bosheitsbefund festgestellt. Er verschrieb mir wegen schlecht durchbluteter Zehennägel Antidemmiaurisausum, das gute Wirkung tat, aber auch gute Nebenwirkung, weshalb ich Antidotantidemmiaurisausum dringendst brauch-
Jetzt verschluckt sie in rasanter Rede die meisten Vokale:
… ein rn pflzlches, hochknzntrrtes, rasch wirkndes Anystagmusium, glchn Hrsteller,
Deutlich skandierend:
Re-zept-pflich-tig! Also bitte, los ran!
Sie schiebt ihm den Rezeptblock hin.
Arzt schiebt den Rezeptblock weg:
Tja, kleine Frau, das ist natürlich alles ganz anders. Antidotantidemmiaurisausum enthält 0,7 Milligramm Pulvis nisus, zu Deutsch: Niespulver, und das ist bei schlecht durchbluteten Zehennägeln sehr gefährlich.
Plötzlich inquisitorisch:
Haben Sie tote Zähne?
Patientin weicht aus:
Wieso? Brauche ich welche?
Arzt:
Sie weichen ins Heiter-Unverbindliche aus, also haben Sie welche und Angst, dieselben gezogen zu bekommen.
Er wird massiver:
Sagen Sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Sie haben tote Zähne!
Patientin lässt sich einschüchtern:
Ja, ich bekenne, tote Zähne zu haben. Nun ists heraus.
Arzt:
Sie gestehen also?
Patientin:
Ich dachte, Sie sind Hals-, Nasen-, Ohrenarzt?
Arzt:
Das darf mich doch nicht hindern, Ihren toten Beißerchen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Bin ich deshalb Herzdilettant? Diese Leichengiftproduzenten müssen flugs raus aus Ihrem Munde.
Patientin:
Vielleicht können Sie mir kurz vorher noch Antidotantidemmiaurisausum verschreiben.
Arzt, ziemlich heftig:
Sie schreiben mir nichts vor und ich schreibe Ihnen nichts ver! Das Pulvis nisus in Antidotantidemmiaurisausum ist Gift für Ihre Zehennägel! Denn deren mangelnde Durchblutung ist doch nur eine Syndromsymptom, nämlich einer großen Kreislaufliberalität! Damit ist er auf den Stuhl gestiegen.
Patientin rutscht vom Stuhl und fleht:
Aber ich will doch nur Antidotantidemmiaurisausum…!
Arzt steigt im Folgenden auf den Tisch und macht immer mehr Horror:
Nichts da! Das geringste Quantum Niespulver bringt einen von übelsten Herden grundverseuchten Kreislauf zum Kollaps! Ich durchschaue Ihr Inneres wie kein Zweiter oder die Röntgenbombe von Professor Vier! Unaufhörlich senden die Eiterbeulen Ihrer verstorbenen Zähne ihre Pestbazillen ins morsche Blut! Das gemarterte Herz pumpt und pumpt und pumpt, aber das nicht mehr hämoglobalrote, sondern bereits eitergelbzähflüssige Blut erreicht die armen Zehennägel schon gar nicht mehr. Sie bleiben leer. Leblos, kalt, öde stecken sie in den Socken, der Kontakt zum Kopf reißt immer mehr aber, das Ohr saust, die Kehle schnarcht, das Labyrinth schwindelt, der Sensenmann tickt, der Sand rinnt durchs Glas, das schreckliche Ende ist näher, als du denkst!
Er endet in Horror-Pose.
Patientin ist zu einem Häufchen Elend unter dem Tisch zusammengeschrumpft. Sie wimmert:
Antidotantidemmiaurisausum…
Arzt setzt sich und schreibt ein Rezept, reicht es der Patientin unter den Tisch.
Patientin nimmt es, wankt schwindlig zum Apothekenfensterchen, klingelt, klopft, bricht in die Knie, hebt das Rezept in Fensterhöhe, flüstert:
Antidotantidemmiaurisausum…
DIE FRAUENSPERSON geht hinter das Fensterchen, studiert als Apotheker das Rezept, reicht es dann zurück:
Dafür hätten Sie meine Abendruhe nicht stören brauchen.
Patientin unter dem Fenster, schiebt das Rezept zurück:
Antidotantidemmiaurisausum…
Apotheker:
He, lassen Sie mein Nachtfensterchen ganz! Sie sind ja eine schreckliche Kranke!
Patientin jammert:
Antidotantidemmiaurisausum…
Apotheker:
Falls Sie glauben, dass Doktor Zwei Ihnen Antidotantidemmiaurisausum… verschrieben hat, irren Sie sich. Dies ist einen Überweisung zum Zahnarzt. Die toten Zähne müssen raus.
DIE FRAUENSPERSON geht, normal und neutral, zur Pauke, haut drauf, stellt die Uhr auf 3, dreht sich hinter einem niedrigen Paravent in Arztposition, schiebt den Beinteil eines Zahnarztstuhls hinter dem Paravent hervor – oder den Paravent vor einem solchen weg -, auf dem zwei kaschierte Patientinbeine liegen, hebt Zahnziehinstrumente eifrig in die Höhe und zieht jeweils mit deutlichem Ruck, Paukenschlag und wimmerndem Aufschrei der Patientin fünf Zähne, zwischendurch die Instrumente jeweils sieghaft und angespornt erhebend. Außerdem gehen auch jeweils die kaschierten Beine hoch. Dann kommt Arzt mit einer zweiten Medizinflasche hervor, geht zur Patientinfigur, schlüpft in die Ärmel. Nach kurzer regloser Pause spuckt sie in hohem Bogen Zähne aus.
Aber ein Gutes hat es doch: Ich konnte bei Doktor Drei mitten im Extraktionsfurioso ein Rezept für Antidotantidemmiaurisausum entlocken. In dieser Luststrähne tätigen Schaffens hätte er mir wahrscheinlich auch reines Hasch aufgeschrieben.
Zärtlich zur neuen Flasche:
Ich habe also um den Preis von fünf Zähnen Antidotantidemmiaurisausum. Und was habe ich noch in diesem Augenblick einer lieblichen Dämmerung?: Ohrensausen, Labyrinthschwindel, Zahn- und Vertrauenslücken. Die Nahrungszerkleinerung macht verminderter Kaufläche wegen manche Mühe.
Sie mümmelt ein bisschen rum:
Als ob der Besitz von Antidotantidemmiaurisausum das nicht aufwöge! Ich beginne also das dämmerliche Ritual.
Sie nimmt Tropfen aus der ersten Medizinflasche:
S-s-s-s-Sausen weg.
Sie wankt schwindlig, nimmt von der neuen Medizin, das Wanken hört auf:
Sch-schw-schw-Schwindel weg, alles weg: Sausen, Schnarchen, Schwindel, aber – Hat jemals schon jemand eine Philosophie des Aber geschrieben oder auch nur konzipiert? – aber – dieses Seitenstechen in der Seite. Kurz und gut: ich schlafe nicht vor Seitenstechen, erst gegen Morgen lässt es nach, ich schlafe kurz ein, um im ersten Dämmer von bekanntem Ohrensausen geweckt zu werden. Zudem schnarchte ich in den kurzen Schlaf über so virtuos, dass mein Mann das böse Wort von getrennten Schlafzimmern sprach. Und das bei meinem Zustand und unserer ansonstigen Liebe. Ich muss – ich muss den Medizinen zusprechen.
Sie nimmt beide Medizinen:
Kein Sausenschnarchenschwindelnystagmus, nur ein bisschen unerträgliches Seitenstechen. Offenbar sticht das für die Nase bestimmte Pulver die Seite. Es niest in meiner Taille. Gründliches Absetzen von Antidotantidemmiaurisausum erbringt unter anhaltendem Schwindel und Nystagmus den Beweis, dass es sich um ein sogenanntes Nebenwirkungsseitenstechen handelt. Aber nichts davon auf dem Waschzettel.
Unsentimental:
Armer Körper einer Frauensperson, der es vor langen Zeiten in der Dämmerung gelegentlich im Ohr sauste. In meiner Verzweiflung treffe ich unter einem Brückenbogen meine junge Freundin Aurélie, die einen entfernt verbast oder vervettert angeheirateten Professor der Chirurgiemedizin ihr eigen nennt.
DIE FRAUENSPERSON geht zur Uhr, stellt sie auf 4, haut auf die Pauke und schiebt den Tisch quer, legt sich als Operationspatientin drauf:
Herr Professor, unsere gemeinsame Freundin Aurélie empfahl Sie unter einem Brückenbogen als Spezialisten für Schwindel. Sie gelten seit Jahrzehnten als d i e Schwindelkapazität der Weltmedizin.
DIE FRAUENSPERSON steht auf und beugt sich als sehr alter und zittriger Professor über den Tisch:
Meinen Sie das Wort Schwindel in standesehrenwürdigem Sinne, bin ich nicht bereit, Sie auch nur anzurühren; meinen Sie es als Symptom der Gleichgewichtsschnecke, fühle ich mich standesgeehrt und wetze die Messer, um Sie anzuschneiden.
Patientin:
Selbstverständlich Gleichgewichtsschneckenschwindel, Herr Professor.
Professor:
Soso, die liebe Aurélie, aber wieso unter einem Brückenbogen. Sie ist doch tot seit achtzehnhundertsoundsoviel.
Weinerlich:
Unter meinem Skalpell geblieben…
Süffig:
…Eines meiner ersten und süßesten Opfer.
Patientin:
Ich spreche von der Enkelcousine der Halbschwester Ihres Vetters Claude.
Professor:
Ah, gibt es eine neue Aurélie? Jaja, ich erinnere mich an die Geburtsanzeige, muss so vierzig Jahre her sein. Und die hat Schwindel?
Patientin:
Nein, ich, die schrecklichste Patientin der Welt! Ich gehe mit schlecht durchbluteten Zehennägeln ins Bett, schnarche gut bis sechs, Ohrensausen setzt gegen sieben ein, nach Einnahme von Antidemmiaurisausum habe ich um acht Layrinthschwindel mit Nystagmus, ich beiße die Zahnlücken zusammen und nehme Antidotantidemmiaurisausum, niese bis neun Uhr, das als Nebenwirkung auftretende Seitenstechen erreicht die Scheitelhöhe gegen zehn. Was empfehlen Sie nun für elf Uhr, Herr Professor?
Professor:
Als Vorspeise gründliches Röntgen, etwas Penicillin-Suppe mit Narkosenudeln, Hauptgericht Operation, und zum Nachtisch sind Sie gesund.
Er nimmt eine kugelige Röntgenröhre mit zapfenförmigem Ausgang und röntgt, indem er den Zapfen über die imaginäre Patientin auf dem Tisch von Kopf bis Fuß in die verschiedensten Positionen hält, jeweils zum Zeichen der Aufnahme mit dem Fuß kräftig die Pauke betätigend und immerzu sehr zitternd. Dann öffnet er die Röhre, holt einige Röntgenfilmbilder heraus, hält sie mit der typischen Geste hoch gegen irgendein Licht, wiederum sehr zittrig:
Hm-hm-hm… Also: Die Durchblutung Ihrer Zehennägel ist in der Tat völlig ungenügend, aber die primäre Ursache Ihres Ohrensausens liegt hier! Sie haben einen Milzstein!
Patientin:
Von meiner Milz habe ich schon lange nichts mehr gehört.
Professor:
Ja, und nun lässt sie plötzlich grüßen und winkt mit einem Stein.
Er zeigt der Patientin das Bild:
Hier, ganz deutlich zwischen Quergrimmdarm und retikulo-endothelialem System, rechts von den Malpighischen Körperchen, das ist Ihr Milzstein. Aber der ist so verwackelt.
Etwas ungehalten:
Wissen Sie, meist kann ich die Verwacklung meiner Aufnahmen mit dem Wackeln meiner Hand beim Betrachten synchronisieren, dann wird alles ganz deutlich, wie in meiner Jugend, aber bei Ihnen … müssen wir noch mal röntgen.
Patientin:
Sollten Sie nicht mal zum Arzt gehen, mit Ihrem Zittern?
Professor:
Wieso denn? Ich bin doch selber Arzt. Müsste ich ja zu mir selbst gehen, Hahaha!
Patientin:
Hahaha. Vielleicht darf ich uns behilflich sein.
Sie nimmt die Röntgenröhre, fährt genauso über sich herum, wie der Professor, was sehr anmutig wirken mag, betätigt auch bei jeder Aufnahme die Pauke, holt dann Aufnahmen aus der Röhre, betrachtet sie:
Hm-hm-hm… Nun wackelt er nicht mehr, der Milzstein rechts vor dem Malpighischen Körperchen. Aber was ist denn das? Das ist ja schon fast eine Myloidentartung des Bilirubingehalts. Der Stein muss raus, das schreit nach Blut.
DIE FRAUENSPERSON ist aufgestanden und dreht sich mir erhobenen Bildern in die Arztposition:
Moment, jetzt wollen wir die Rollen aber doch wieder re-re-retourgängig machen.
Er kriegt einen Greisenfreudenkoller:
Ha, das prächtigste Milzkonkrement, das mir je unter Messer und Säge kam!
Er hantiert fahrig mit vielen Chirurgenmessern und -sägen:
Auf zur Jubiläumsoperation, im sechzigsten Jahr meiner Tätigkeit der sechshundertste Stein! Reichen Sie mir Ihr Ohr für die Penicillinanästhesie!
Patientin, ängstlich:
Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Professor?
Professor entwickelt mit riesigen Spritzen, die er aufzieht, große Geschäftigkeit, auch Röntgenbilder und Messer spielen noch mit:
Achtundachzigeinhalb, es gibt keine Nachwuchs, die jungen Leute, mein Oberarzt mit 55, demonstriert dauernd, ist in zehn Jahren noch nicht so weit, wie ich mit 17 war. So, ich habe drei Pfund Penicillin vorbereitet und fünf Vollnarkosen à zwei Liter, wir spritzen gleich drei, kann ich mir schön Zeit lassen mit Ihren Wackelsteinen, – ach nein: Wackeln tu ja ich. So, zuerst das linke Oberläppchen, bitte.
Er beugt sich über die Patientin.
Patientin kugelt sich in Erwartung des Schmerzes zusammen, schreit auf, gleitet vom Tisch.
Der Professor kommt von unter dem Tisch hervor:
Nananana, so, das war einmal. Wo sind wir denn? Tje, jetzt werden meine Augen auch noch zittrig, ich finde das rechte Ohr meines Opfers nicht mehr.
Er bückt sich suchend unter den Tisch.
DIE FRAUENSPERSON kommt unter dem Tisch hervorgerollt, eine große Spritze klemmt, baumelt an ihrem Ohr. Sie bewegt sich im Folgenden im Patientinprofil wie somnambul über das Podest, verweilt irgendwo, rennt irgendwohin, legt sich, steht abrupt auf. Um nicht ins Arztprofil zu geraten, schleicht sie manchmal rückwärts. Zwischen dem Text, der zunehmend fließender und wieder zerhackter gesprochen wird, jedenfalls gegen Syntax und Interpunktion, und ihre Gängen und Gesten besteht kein ersichtlicher Zusammenhang:
Stich ins Ohrläppchen, Stich ins Wachsein, Stich in den Tag. Die rührende Anstrengung der in Narkose gestürzten Geschöpfe, bis zum letzten Augenblick das Fähnchen des Bewusstseins hoch in die Abgase der Wirklichkeit zu halten. Aber dann saust der Fahrstuhl quer ab ins Erdinnere. Das endet zu Beginn mit den Farben hört es am Anfang auf. Verkleistert vom Nirwana Gassen und Kanäle des Gewohnten. Eins, zwei, kalt, lila, oben, siebenacht, saumselig, gelbrotbraunduftigsilbren, heutegesternabendübrefrühmorgenmitternachtsnicht – Gesättigt, zweimal durstig zweigleichen, vollkommen gleich, böseböseböse … Der Tod ist nichts, das Sterben ist alles. Ich bin da, wo du nicht bist, nur die Liebe ist immerdarda. Liebe ist der Arbeitgeber, der dich nie entlässt, aber du hast auch kein Streikrecht, du kannst ihr den Rücken des Herzens zukehren, dann entdeckst du den Hass der Liebe, weite Kolonie, Ableger, Abfall des Gemeinten, wo man mit Wunden und Morden rechnet, anstatt mit Küssen und Kindern. Spätestens mit dem Blaulicht des Notarztes kommt die Liebe zurück, oder mit dem Gedenken der Hinterbliebenen. Die Vorstellung, dass etwas außerhalb der Liebe sein könnte, ist im Erdinnern müßig. Und dann werde ich langsam aufwachen und nichts Gewisses mehr wissen. Und nun wache ich langsam auf und weiß nichts mehr, bin wieder preisgegeben und frage: Wann geht es denn los, wann bin ich dran? Und keine Schwester lacht milde, denn ich bin ja vom ersten Schnitt an unter den OP-Tisch gerollt und mit blutigen Fleischresten, Krebsen, Tumoren, Tupfern, Amputationen, Kanülen, Aborten, Abwässern, Blut, Watte Mull – in den Müll geraten.
Sie ist in den großen Abfalleimer getorkelt, aus dem sie sich dumpf und deutlich weiter vernehmen lässt:
Da schmacht ich mit sausenden Ohren, Stein in der Milz, penicillingeschädigt und narkosedumpf … Herr Doktor … Herr Doktor…!
DIE FRAUENSPERSON ist unter dem Podest auf dessen Seite gelangt. Dort taucht sie auf, eine Malteserdienstmannsmützenhälfte auf der Arztseite des Kopfes, eine Erste-Hilfe-Tasche und eine Feldflasche umgehängt. Ein lustiges Liedchen pfeifend schlendert sie über das Podest. Als sie am Abfalleimer vorbeikommt, stutzt sie, lauscht, geht einen Schritt zurück, legt das Ohr auf den Deckel, ruft als Patientin dumpf:
Herr Doktor, Herr Doktor…!
Der Malteserkreuzler macht den Deckel auf und holt pantomimisch mit geübtem Griff die Patientin aus dem Eimer, dabei kann etwas Blut durch die Gegend auf die Kleider tropfen:
Nanu, Muttchen, wie kommen wir denn da rein? Da müssense aber schleunigst wieder raus, das ist doch kein Aufenthaltsort für einen lebendigen Menschen! Schön leicht machen, Arme schön über meine Schultern legen, passiert ja nichts, und schön tief durchatmen, Hoppla, so, wird ja alles gut, na sagense mal, –
Er reicht ihr die Feldflasche:
Trinken Sie mal schön, das wird Ihnen guttun.
DIE FRAUENSPERSON dreht sich auf den Eimerdeckel, auf den sie als Patientin, ein Häufchen Elend, zu sitzen kommt. Sie setzt die Feldflasche ab, reicht sie zurück:
Dankeschön. Sind Sie vom Roten Kreuz?
Malteserkreuzler nimmt die Flasche:
Kreuz ja, rot nein, Malteserkreuz, weiß auf rotem Grund, die Balken werden nach außen immer breiter, sieht schön aus, wenn Sie mal gesehen haben, Insel Malta, daher …
Patientin:
Ich danke Ihnen, dass Sie am Abfalleimer vorbeigekommen sind.
Malteserkreuzler:
Dabei bin ich gar nicht im Dienst, aber man ist ja immer im Dienst, wenn man im Dienste dieses Kreuzes steht. Hatte drüben Dienst, bei den Boxmeisterschaften, Halbweltsgewichtsklasse. Machen wir denn mit Ihnen?
Patientin zuckt die Achseln:
Steht denn nichts in Ihren Dienstanweisungen?
Malteserkreuzler:
Also, dass eine im Abfalleimer liegt, ist nicht direkt vorgesehen. wenn was passiert, sollen wir mit erster Liebe Hilfe leisten, Gebrochenes schienen, Gefallenes aufrichten, Blutendes stillen, Gehunfähiges abtransportieren, Scheintotes von Mund zu Mund beatmen, das sieht wien Kuss aus, ist aber was anderes. Fürs mehr Innere sollen wir nach der zweiten Hilfe telefonieren, Arzt sind wir nicht
Patientin:
Das mehr Innere wäre mein Fall.
Malteserkreuzler:
Ich sehe, dass im Haus gegenüber vom Abfalleimer und der Sporthalle Doktor Fünf wohnt, vierter Stock, zu dem gehnse man.
Patientin:
Schade, dass Sie keine Semester in der Tasche haben.
DIE FRAUENSPERSON wirft die Mütze weg, garniert sich mit der Feldflasche und der Erste-Hilfe-Tasche, stellt die Uhr auf 5, hat auf die Pauke und geht als Patientin unter Zuhilfenahme eines imaginären Treppengeländers eine imaginäre Treppe rauf:
Natürlich quält man sich bei dem langen Treppensteigen rauf zu Doktor Fünf rum um die Frage, ob eine operative Milzsteinentfernung nicht schlagartig alle Leiden weggefegt hätte. Je schneller der Zweifel, ob man überhaupt klingeln wird, desto langsamer der Schritt, auch verjagen ja erfahrungsgemäß winzige Spuren Karbolgeruch alle Symptome, und oben fragt man sich dann, ob man überhaupt jemals ernsthaft krank war.
Sie bleibt stehen:
Nein, Doktor Fünf wohnt zu oben.
Sie geht einige Schritte – Stufen runter. Aber Sie greift sich nacheinander an Ohr, Seite, Zehen:
Au-au-au! Ich bin nicht Herr meiner Entschlüsse, sondern Knecht meiner Schmerzen. Ich werde beim Fünftbesten klingeln.
Sie geht wieder rauf:
Zur Not kann ich ein letztes Mal zögern, bevor ich wirklich auf dem Klingelknopf drücke.
DIE FRAUENSPERSON dreht sich ins Arztprofil, steckt das Stethoskop ins Ohr und schaut nach unten:
Kommen Sie rauf, gute Frau. Ich benutze das Treppensteigen meiner Patienten immer gleich als Belastungsprobe zu einer Funktionskontrolle. Wenn Sie sich auf den letzten Stufen gleich mal freimachen wollen.
Er horcht sie ab:
Sie können sich wieder unfreimachen. Sind Sie in der letzten Zeit mit Penicillin verseucht worden?
Patientin, sich zuknöpfend, und etwas den Ärmel auf die Schulter schiebend:
Ich bewundere Ihr Scharfohr, Herr Doktor. Ich bin in der Tat penicillin- und narkosegeschädigt, unter anderem, denn ich bin auch antidemmiaurisausum- sowie nebenwirkungsweise antidotantidemmiaurisausumgeschädigt.
Arzt:
Aber gehen wir doch rein.
Er tut es:
Die Treppe ist ja nicht das Ordinationszimmer, Haha. Ein Wartezimmer werden Sie bei mir vergeblich suchen, ich warte vielmehr, wie Sie gesehen haben, auf meine Patienten. Das liegt einerseits, ich sags wies ist, daran, dass ich in dieser Arme-Leute-Gegend keine Kassenpatienten ergattern konnte, andrerseits an meiner ungemein schnellflüssigen Therapie, wie Sie sehen werden. Ich bin nämlich der traditionsreichen Volksmedizin des Staates Vermont, USA, ebenso verpflichtet, wie dem genialen Semiten Siegmund aus Wien. Meerrettich ist das nebenwirkungsfreie Penicillin, das im Garten wächst. Aber nun haben Sie mal die Schädigung, die kriegen Sie spielend leicht weg mit zwei Esslöffel Obstessig in den Frühstückskaffee, das mindert zwar das röstfrische Aroma, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Nun aber: Penicillinschädigung ist eine Folge, – was war die Ursache? Sie sprachen von Antidemmiaurisausum?
Patientin:
Ja, aber das liegt weit zurück, Nein, zuletzt lag ich mit einem Milzstein auf dem Operationstisch, behielt ihn aber drin, weil ich eine schreckliche Patientin bin.
Arzt:
Aber Milzsteine operiert man doch nicht mehr! Zwei Mokkalöffel Obstessig jeden Abend aufs Butterbrot zermalmen auch das härteste Konkrement. Das mindert zwar etwas das Brot- und Butterarome, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Lassen Sie mich übrigens weiterzurückkombinieren: Milzsteine als Folge von Seitenstechen – gegen Seitenstechen einen Teelöffel ins Fondue, das mindert zwar etwas den Bourguingnon-Geschmack, aber wir wollen doch gesund werden, nicht wahr? Seitenstechen als Nebenwirkung von Antidotantidemmiaurisausum, weil zuvor eingenommenes Antidemmiaurisausum Labyrinthschwindel und Nystagmus hervorriefen: – zwei Suppenkellen Obstessig in den five o’clock tea. Das mindert etwas das First-flush-darjeeling- orangee-broken-pekoe-Auslese-Aroma, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Und damit sind wir bei der ersten und letzten Krankheit, dem Ohrensausen.
Patientin, hocherfreut:
Herr Doktor, Fünf! Ich verleihe Ihnen hiermit feierlichst den von mir soeben erfundenen Titel Medizinaldetektiv summa cum grano salis. Ach, ich war schon lange nicht mehr so lustig und vertrauensselig!
Arzt:
Und gegen Ohrensausen täglich ein aufsteigende Obstessigbad.
Patientin:
Nur eins noch: –
Arzt:
Sie schnarchen.
Patientin:
Jawohl, bravo! Gegens Schnarchen wann worein und wie viel welche Löffelsorte Obstessig, bitte?
Arzt:
Schnarchen bis sieben Phon ist nun allerdings weder eine Krankheit im Sinne der Vermonter Volksmedizin noch der Psychoanalyse, und Obstessig hilft, wie Versuche ergaben, da wenig. Schnarchen Sie also unbedenklich weiter, aber achten Sie darauf, dass der Schnarchpegel sieben Phon nicht übersteigt.
Patientin:
Jaja, aber – mein Mann –
Arzt:
– hat was gegen Ihr Schnarchen? Geben Sie ihm Obstessig. Morgens, mittags und abends je eine ganze Flasche Obstessig über die Zigarette gießen. Das mindert zwar das im Rauch nikotinarme Aroma, aber –
Patientin:
Mein Mann ist Nichtraucher.
Arzt:
Egal! Obstessiggetränktes Nikotin bricht den seelischen Widerstand gegen das Schnarchen des Partners.
Patientin:
Hm. Müsste er also mir zuliebe das Rauchen anfangen? Woher weiß man das alles so genau?
Arzt:
Tierversuche der Volksmedizin in Vermont, USA.
Patientin:
Mit armen kleinen Mäuschen?
Arzt:
Nein, mit reichen großen Rindviechern.
Patientin:
Aber seit wann rauchen Ochsen?
Arzt:
Nicht doch, so plump volkstümlich geht es in Vermont nun auch nicht zu. Da hat in Vinegartown mal eine Kuh so stallsprengend geschnarcht, dass ihr Ochse von Tag zu Tag nervöser wurde und immer weniger Milch leistete. Nee, Moment -: Ochse und Milch? Nein, so war das: Der Ochse verlor durch das Schnarchen seiner Frau Kuh immer mehr Gewicht. Schließlich hat man der Kuh drei Flaschen Obstessig ins Futter gegeben, aber – sie schnarchte weiter. Die Vermonter Volksmedizin stand zum ersten Mal vor einem Rätsel: nie hatte bis dahin der Obstessig versagt. Da kam der berühmte Doktor Fünf-Minuten-länger Leben auf den genialen Einfall, dem Ochsen sieben Flaschen Kraftfutter ins Obstessig zu schütten, – nein, umgekehrt: Obstessig ins Kraftfutter, und siehe da: die Kuh schnarchte weiter, aber der Ochse entnervöste schlackenlos und gewann zusehends zunehmend wieder an Gewicht.
Patientin, leise kokett:
Wunderbar… Und wie schön Sie das erzählen! Ich überlege, ob ich meinen Ochsen – äh: Mann nicht alle Woche mal ein Omlett mit Obstessig flambiere.
Arzt:
Tun Sies doch!
Patientin, verwundert:
Sie scheinen zu wissen, warum?
Arzt:
Aus langjähriger Praxis nur zu gut: Ihr Mann hat nicht nur was gegen Ihr Schnarchen, sondern gegen alle Ihre schönen Leiden.
Patientin:
Sie sprechen es wortwörtlich aus. Was bin ich froh, dass ich es nicht sagen musste.
Arzt:
Aber nun legen Sie sich auf die Couch.
Lüstern:
Da wollte ich Sie schon lange haben. Raus mit dem Wiener Kaiserschmarrn im Walzertakt, eins, zwei, drei…
Patientin, auf der Hut, zunehmend verschlossener:
Ich möchte eigentlich nicht auf die Couch.
Arzt:
Nehems Sies wissenschaftlich. Das gehört zur Therapie.
Patientin:
Ich möchte eigentlich keine Wissenschaft und keine Therapie auf der Couch.
Arzt:
Nur zu, gute Frau: die frei werdenden Abwässer schaffen Platz für den von mir verordneten Obstessig.
Patientin:
Nein, ich möchte eigentlich keine Abwässer!
Arzt will sie einfangen:
Ihr Mann schlägt sie, betrügt sie, verschandelt sie, erpresst, entwürdigt, vergewaltigt sie!
Patientin, empört:
Na, hören Sie ma! Nichts dergleichen! Er lässt es allerhöchstens mal an ein bisschen Mitleid fehlen.
Arzt tut das ab, um sie zu locken:
Aber ich bitte Sie: sonst nichts weiter? Das ist doch einfach lächerlich.
Patientin:
Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen keine Schlafzimmereien bieten kann.
Arzt:
Das bisschen fehlende Mitleid ist nicht der Rede wert.
Patientin fällt darauf rein:
Ich wäre aber sehr froh, wenn ich mal darüber reden könnte.
Arzt, zwischen Triumph und Rollenweiterspiel:
Na also, doch auf die Couch, reden Sie endlich: er hat kein Mitleid, stattdessen – ?
Patientin legt sich auf die Liege:
– hat er meine Krankheiten im Handumdrehen immer gleich selbst und stöhnt und jammert und trinkt und frisst mir meine Medikamente weg. Ohrensausen, Schwindel, Seitenstechen, Penicillin, – gleich schreit er immer: Ich auch! Bloß beim Zähneziehen hat er gekniffen, der Schuft, daran sieht man, dass es die reine Heuchelei ist, – dagegen bei den Milzsteinen wollte er mich sogar übertrumpfen und hat doch glatt behauptet, er hätte zwei, ich bloß einen, Ätsch! Und wäre ich schwanger, wär er wahrscheinlich vierzehn Tage früher dran, aber mit Drillingen! Also manchmal möchte ich ihm mit lässiger Gewalt den Obstessig pur in den Hals schütten, bis er daran ertrinkt und erstickt und ersäuft.
Arzt ist im Anblick der liegenden Patientin in bester böser Laune:
Tun Sies doch!
Patientin, erstaunt, verständnislos:
Was?
Arzt, kräftig:
Ertränken, ersticken, ersäufen Sie Ihren Gatten!
Patientin:
Was soll dieser Aufruf zum Gattenhass?!
Arzt:
Dieser hysterische Hampelmann ist ja Ihre hinreißend schönen Krankheiten gar nicht wert!
Patientin wird pampig:
Wie reden Sie denn von meinem Mann, Sie essigsauerer Tonheini, Sie!?
Arzt gibt contra:
Aber Sie sagten doch eben selbst, – ?!
Patientin:
Ich habe nichts gesagt, ich habe geschimpft.!
Arzt:
Und das wollen Sie mir verwehren?
Patientin:
Jawohl, was einer leidenden Kuh erlaubt ist, ist einem heilenden dritten Ochsen noch allemal verboten!
Arzt:
Ihr Mann ist ein hartherziger, egoistischer, widerlicher, heuchlerischer, verlogener, roher, idiotischer –
Patientin springt auf, sehr laut:
Schluss! Nicht ein Tropfen Obstessig gibt Ihnen das Recht, meinen Mann schlechtzumachen. Das kann ich allein. Ich liebe ihn nämlich!
Arzt fällt vor ihr auf die Knie:
Und ich liebe Sie! Sie sind die schrecklichste Kranke, der ich je Obstessig verschrieb.
Patientin, mit moralischer Empörung:
Gehen Sie auf die Couch, Sie unreiner Doktor!
Sie beschwört ihn:
Husch-husch! Inhalieren Sie Obstessig in Ihren lädierten Hormonhaushalt. Geben Sie her, das Gesöff, es kann nichts dafür, dass es von einem moralisch heruntergekommenen Naturheiler angepriesen wird!
DIE FRAUENSPERSON tritt in eine Schlaufe, an der fünf Obstessigflaschen hängen, die sie künftig mitschleppt, sie greift eine Art großen Schlüsselring, an dem alle Arten und Größen Löffel hängen, von der Suppenkelle bis zum Mokkalöffel, geht zur Patientinnenfigur, schlüpft in die Ärmel. Sie kostet Obstessig. Nach kurzer Prüfung verrät ihre Miene Zufriedenheit:
Schmeckt reizvoll und scheint von guter Wirkung.
Sie schmeckt mit Zunge und Lippen nach:
Ja, die gebündelten Symptome im Obstessig ersoffen.
Sie sitzt sehr bequem und trinkt genüsslich weiter:
So gemütlich und leidensfrei habe ich mich seit langem nicht mehr gefühlt.
In erster Wallung kommt ihr der Obstessig hoch, was sie zwar deutlich zur Kenntnis nimmt, aber gleich darauf mit einem etwas mühsamen Lächeln ignorieren möchte. Sie trinkt per Löffel weiter:
Auch bei meinem Mann tut der Obstessig Wirkung. Zwar hustet er stets etwas, wenn er die obstessiggetränkten Zigaretten raucht, aber ansonsten könnte man von geradezu liebeselixierischer Wirkung, genauer: Nebenwir-
Wieder, stärker meldet sich der Obstessig, von unten aufsteigend. Nach kurzer kleiner Panik erklärt sie:
Natürlich, Rindvieh ist Wiederkäuer
Aufstoß:
und natürlich Wieder-
Aufstoß:
-säufer, ganz natürliche Neben-
Noch stärker stößt es ihr auf und sie erklärt kläglich-ehrlich:
Mensch, ist mir schlecht.
Dann verkündet sie heroisch:
Schluss, Ende, radikale Nullstellung, medizinischer Neuanfang!
Die folgenden Texte werden von einem Tonbandgerät aufgenommen. Ein zweites Gerät gibt sie mit Versatz von zwanzig bis dreißig Sekunden Länge wieder. Nach dem Versatz beginnt dann ein fortgesetzter Rückkopplungseffekt, der sich – durch Erhöhung der Lautstärke unterstützt – zu einem ungeheuren Salat steigert. Zunächst ist die Wiedergabe gespenstisch leise.
DIE FRAUENSPERSON läuft zu Pauke und Arzt-Uhr und schreit als
Patientin:
Herr Doktor, mir fehlt was! Was fehlt mir?
Sie stellt die Uhr auf 6, haut auf die Pauke und dreht sich rasch ins
Arztprofil:
Aber Kindchen, das sollte Ihnen doch ihr kranker Menschenverstand sagen, dass aus solchen Mengen Obstacetum als Intermediärprodukt des Aminosäurestoffwechsels nur Diabetes Mellitus resultieren kann. Pumpen wir den Ventriculus gleich mal aus.
Er hebt eine Riesenflasche eines Medikamentes hervor und hebt sie hoch:
Und dann pumpen wir dieses Fläschchen Magenovit liquidor fortissimo rein. So ein Magen ist doch kein Salatacker, das ist doch kindisch!
DIE FRAUENSPERSON stellt die Uhr auf 7, haut auf die Pauke, setzt sich in Kinderarztposition, weiß nicht, ob er-sie hoch- oder runterschauen soll:
Also, dass die Kinder heute so groß sind, wie die ausgewachsenen Erwachsenen, – kostet mich richtig Überwindung, Du zu Ihnen zu sagen.
Er verfällt schlagartig in albernste Kindernachahmung:
Na, wo hattu denn Wehwehchen, wittu wohl tillhalten, mattu sön Acetus-Bäuerchen.
Ärgerlich werdend:
Nu muttu aba fein danz tillhalten.
Wieder freundlich:
Ei, un ein hypoplastisches Nabebrüdelche hatte auch.
Ganz böse:
Du soll tillhalten!
Wieder übergangslos freundlich:
Un da hattu lauter Pickel-Pickel-Puckelchen…!
Er richtet sich auf:
Ja, liebe Eltern, – wo sind denn die Eltern? Schwester Eustochium, schreiben Sie auf: Morbili, Masern, Rotsucht, Augenbinde, Bettruhe, anderthalb Pfund Biotikummer, Überweisung an Frauenarzt wegen dringendem Verdacht auf Hysteriotitis.
DIE FRAUENSPERSON stellt die Uhr auf 8, haut auf die Pauke, rennt zur Arztfigur, schlüpft in die Ärmel, nimmt zwei Telefonhörer, deren einen sie in der folgenden Auseinandersetzung jeweils an ein Ohr hält:
Hier Frauenarzt Doktor Acht, bitte Professor Vier.
Hörerwechsel:
Vier hier.
Hörerwechsel:
Ja, hier Doktor Acht, verehrter Herr Kollege, bei mir ist Ihre ehemalige Frauenspersonpatientin, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn ich einen Blick in den seinerzeit angefertigten Röntgenstatus werfen könnte.
Hörerwechsel:
Tut mir schrecklich leid, aber seit siebenundvierzig Jahren halte ich alle Röntgenogramme unter Tresorverschluss.
Hörerwechsel:
Aber es besteht der dringende Verdacht, dass das, was Sie als Ihren Milzstein diagnostizierten, in Wirklichkeit mein Rhabdom-Myom ist!
Hörerwechsel:
Kommen Sie erst in meine Jahre, Herr Kollege, bevor Sie solche Frechheiten über angebliche Fehldiagnosen loslassen.
Hörerwechsel:
In Ihrem Alter bin ich Pensionär und mache keine verzitterten Röntgenbilder mehr!
Hörerwechsel:
Wir sprechen uns vor dem Ehrengericht der hessen-nassauischen Kreisärztekammer.
Beide Hörer weg:
Tja, gnädige Frau, Sie haben also ein Myom im Leib, oder Milzsteine oder Zwillinge oder was weiß ich, alles muss raus, sobald ein Bett auf dem Gang frei ist. Zur Vorbereitung Penicillin, und damit die Granulomatose nicht als Nebenwirkung sprohytiert, gleich Antipenicillin dazu, und gehen Sie zum Rechtsanwalt, klären Sie das Copyright an den Röntgenbildern Ihrer Innereien.
DIE FRAUENSPERSON stellt die Uhr auf 9, haut auf die Pauke, bleibt – auch bei den folgenden Ärzten – nahe bei Uhr und Pauke – im Arztprofil stehen‚ und lacht jetzt als grobschlächtiger Orthopäde:
Hahahaha! Aber das brauchen wir doch keinen Rechtsanwalt! Nur gut, dass Sie gleich zu einem erfahrenen Wirbelsäulologen wie mir gekommen sind. Passen Sie auf: alle Ihre traumatischenSubluxationen kuriere ich im Handumdrehen chiropraktisch.
Er knetet und chiropraktiziert kräftig an der imaginären Patientin herum:
So, noch ein Paar Krücken, ein bisschen Hängen und Würgen, kleines Gipskorsett und schon habe ich Sie fix und fertig gemacht! Und jetzt eine Kur in Bad Bad.
Das Tonband wird immer lauter.
DIE FRAUENSPERSON stellt die Uhr auf 10, haut auf die Pauke und verkündet:
Ich bin aber aber ein dynamischer Kurarzt, in diesem idyllischen Heilbad, Bad Bad fließen nicht nur die Jodquellen, sondern sondern auch Blut! Also ab mit Arm und Bein, her mit Ihren Innereien, raus raus mit dem Myom, den Zwillingen, den Milzsteinen!
Das Tonband wird immer lauter.
DIE FRAUENSPERSON dreht die Uhr auf 11, haut auf die Pauke und schnarrt:
Der Milzstein muss wieder rein, hoffentlich haben Sie ihn gut aufbewahrt, raus muss der Blinddarm mit seiner Überfunktion, den ersetzen wir. Sobald beim nächsten Auffahrunfall bei Kilometer dreiundsechzig ein Blinddarm heil bleibt, machen wir eine Appendizitistransplanation. Und lassen viel Bluttransplantationen fließen.
DIE FRAUENSPERSON dreht auf 12, haut auf die Pauke und ruft:
Ich kann kein Blut sehen, bin ich Doktor Dracula?! Alles eine Frage der Nerven. Als neueste Hutmode den Elektroenzephalographen. Ich mache multiple Sklerotiker wie Sie zum künstlichen Bluter!
DIE FRAUENSPERSON dreht auf 13, haut auf die Pauke, laut:
Eine Frage der Ernährung. Ich mache Sie zum künstlichen Fresser.
DIE FRAUENSPERSON dreht auf 14, haut auf die Pauke, schreit:
Ich mache Sie zum künstlichen Pisser und Schweißer!
DIE FRAUENSPERSON greift nach der Uhr.
Es donnert, das Tonbandgerät steht.
DIE FRAUENSPERSON schaut, mit noch ausgestrecktem Arm zur Uhr, will noch mal drehen.
Es donnert kurz.
DIE FRAUENSPERSON zuckt mit dem Arm, geht zur Arztfigur, stellt sich nur andeutend dahinter:
So weit die Ärzte sechs bis vierzehn.
Sie lässt die Arztfigur umstürzen, rennt hinter die Patientinfigur:
Was für eine miserable Figur aber machte die Patientin?
Sie lässt die Patientinfigur zusammenbrechen und rennt hinter den großen Paravent.
Zugleich läuft das Tonbandgerät hörbar im Schnellgang auf den Anfang zurück, wird umgeschaltet und gibt noch einmal das Aufgezeichnete zurück, eine oder gar zwei Geschwindigkeiten zu schnell.
DIE FRAUENSPERSON schmeißt einen Arm, ein Bein, eine blutende Innerei über den Paravent, kommt dann als völlig invalide Patientin hervor, gliedverstümmelt, mit einigen weiteren Diagnose- und Therapiegeräten beladen-belastet-garniert. Noch weitere Dinge nimmt sie auf immer müder und langsamer werdenden Gängen über die Schräge auf sich, sie mögen hinter den Paravents oder Möbeln versteckt sein oder offen daliegen, und was sie nicht mehr tragen kann, schleppt sie schleifend hinter sich her, wobei das Arztprofil so eingedeckt werden kann, dass es seine Signalfunktion verliert. Es handelt sich um: Magenauspumpgerät, Röntgenbombe, Medikamente, in langen Ketten von großen Anstaltspackungen aufgereiht, Lichtbogen, Augenbinde, Bruchband, Krücken, Gipskorsett, Chirurgenmesser und -sägen, Elektroenzephalograph auf dem Kopf, Ständer mit Flaschen für künstlicher Ernährung und sonstige Geräte. Nur noch kriechend erreicht sie den Platz unter der Uhr, dort bricht sie zusammen, hebt mit letzter Kraft eine Krücke oder sonstwas Langes zur Uhr.
Es donnert wieder, das Tonband steht.
DIE FRAUENSPERSON erreicht mit dem verlängerten Arm die Uhr und stellt sie auf ein christliches Kreuz. Sie befreit sich so rasch und elegant wie möglich von den Lasten, was vermutlich nur geht, wenn sie die Überkleidung abwirft, holt den Kapuzenmantel, wirft ihn über oder zieht ihn an und geht nach einem weiten Bogen über das Schlachtfeld nach hinten weg.
ENDE
*****