König gefangen – Zweiter Akt

König gefangen – Zweiter Akt

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König gefangen

Komödie
von
Peter Podehl
©

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Zweiter Akt
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ZWEITER AKT

Noch ist Nacht. Tiefe Stille am sehr frühen Morgen. Die Leinwand im Fenster ist geflickt. Der Schepper-Vorhang oben.

ENZIO sitzt auf seinem Lager nicht viel anders als am Ende des ersten Aktes. Nur ist er deutlich anders angezogen, sozusagen ziviler; es ist also Zeit vergangen. Und er weint nicht mehr.

ALBINGO ist Wächter vom Nachtdienst. Er sitzt-fläzt schlafend am Tisch nahe der großen Tür und schnarcht erbarmungswürdig.

Nach einiger Zeit Schließ- und Riegelgeräusche, betont leise.

MICHELE schleicht herein, geht zur Kammertür, stellt fest, dass sie verschlossen ist, öffnet das Fensterchen in der Tür, was ein deutliches Geräusch macht.

ENZIO wendet ruckartig den Kopf, steht auf:
Pietro?

MICHELE, ganz leise:
Pst! Nein, Michele degli Orsi, lange vor Sonnenaufgang!

ENZIO
Wie soll ich das wissen? In diesem Loch starre ich nur in die Ewigkeit…

MICHELE geht zu ALBINGO, sucht ihn ganz vorsichtig nach dem Schlüssel ab, findet ihn, ohne den Schläfer zu wecken, geht zur Kammer, schließt leise auf, geht rein, schließt die Tür, auch das Fensterchen.

ENZIO steht ihm auf größtmöglicher Distanz gegenüber.

MICHELE tut alles, um auf seine Weise das Gespräch zu suchen, auch fast kriecherisch, zunächst undurchsichtig und immer verschwörerisch leise:
Ich bin nicht der Königsmörder, wie Ihr vielleicht fürchtet.

ENZIO, stolz:
Ich kenne keine Furcht.

MICHELE, revoziert devot:
Gewiss, nein, wie konnte ich so etwas wähnen – ?

ENZIO hat eine erste kleine Runde gewonnen:
Was wollt Ihr also?

MICHELE, weniger devot, eher schon fordernd:
Euer Hund will ich sein, Euch zu Diensten.

ENZIO kann sich das nicht vorstellen:
Ein stolzer Wächter mein Hund? Es ist. zum Lachen!

MICHELE wird deutlicher:
Nicht so sehr, wenn Ihr hört, was mir heute nacht widerfahren ist: Ein Wagen meines Handelshauses, hochbeladen mit besten flandrischen Tuchen, ist von Soldaten Eures Vaters, des Kaisers aufgebracht worden. Sie wüteten mit Schwertern und Spießen in den Tuchballen und kippten die Fetzen in die Scultenna.

ENZIO, eher wider besseres Wissen:
So etwas tun die Soldaten des Kaisers nicht.

MICHELE:
Seitdem der Kaiser ein Handelsembargo gegen die Republik Bologna verhängt hat, tun sie so etwas immer öfter.

ENZIO korrigiert sich also:
Wenn das so ist, dann sind die Soldaten meines Vaters zu loben. Bravo!

MICHELE stimmt unerwarteterweise zu:
Jawohl: Bravo!

ENZIO, erstaunt:
Ihr stimmt mir zu? Wieso heult Ihr nicht über Eure ersoffenen flandrischen Fetzen?

MICHELE offenbart Einiges an Hochverrat:
Weil ich Ghibelline bin, Euch verbündet, kaisertreu in dieser Stadt, die nur dem Papst den Hintern leckt! Kein Kaufmann in der Stadt hat begriffen, dass es nur im Frieden mit dem Kaiser Handel geben wird. Wir werden bettelarm, gehen vor die Hunde in diesem ewigen lombardischen Krieg!…

ENZIO, etwas hochnäsig:
Das ist mir die wahre Haltung!: Da ist also einer kaisertreu und Ghibelline, bloß weil er ums Geld in seiner Kasse fürchtet.

MICHELE, sehr nüchtern:
Warum nicht? Aus solcher Haltung wächst Eure Befreiung.

ENZIO horcht auf, muss das einsehen:
Hm, – so gesehn… Was ist zu tun?

MICHELE:
Ich brauche Geld.

ENZIO, mit dem idealistischen Rappel:
Ich sehne mich nach meiner Freiheit, – Ihr redet von Geld.

MICHELE:
Die Freiheit ist teuer.

ENZIO:
Wie soll ich als Gefangener Steuern eintreiben? Ich habe kein Geld.

MICHELE, versteckt lauernd:
Nicht hier. Aber draußen – ein Schatz, irgendwo versteckt – vergraben, unter einer Brücke – ?

ENZIO, zwar äußerst misstrauisch, aber unaufmerksam zugebend, dass es einen solchen Schatz gibt:
Woher wisst ihr das?

MICHELE nimmt es positiv, dabei ehrlich:
Ich weiß es ja nicht. Aber ich kann nicht glauben, dass ein befreiter König von Sardinien nicht wüsste, wohin sich wenden, um seine Taschen zu füllen, dass er Söldner lohnen kann und Waffen kaufen.

ENZIO will zunächst keinesfalls mehr preisgeben:
So helft mir zu meiner Freiheit, Ghibelline, – wenn Ihr es ehrlich meint.

MICHELE, trocken:
Dazu brauche ich Geld.

ENZIO:
So dreht sich der Hund im Kreise und schnappt nach seinem Schweif.

MICHELE:
Nein, ich schnappe nach Eurem Schatz. Aber Ihr verweigert mir die Wurst!

ENZIO, einigermaßen hin- und hergerissen:
Gebt mir ein Zeichen, dass Ihr nicht scherzt oder Ärgeres im Schilde führt.

MICHELE:
Jüngst kam einer meiner Agenten aus Lagopesole, der mit dem Kaiser gesprochen hat.

Das regt ENZIO sehr auf:
Mit dem Vater? So redet! O, diese Gefangenschaft! Ich starre nach oben: kein Himmel. Ich starre dahin, dahin, dahin: – keine Bäume, keine Sträucher, keine Soldaten, – nur Finsternis und kaltes Mauerwerk, wohin ich blicke, wohin ich tappe!…
Er rüttelt an der Tür.

MICHELE fällt ihm in den Arm:
Weckt mir den Albingo nicht! ER ist der Nachtwächter vom Dienst!

ENZIO, resigniert:
Jede Nacht träume ich von Pferden ohne Reiter… Der Vater vergisst mich.

MICHELE:
Euch doch nicht, den er zu seinem Nachfolger bestimmt hat.
Er fällte ohne Enthusiasmus auf die Knie:
So wird die Welt knien vor der einzigen Majestät von Gottes Gnaden.

ENZIO:
So gebt mir ein Zeichen, dass ihr es ehrlich meint,

MICHELE, eher enttäuscht:
Ist mein Kniefall nichts?

ENZIO:
Auch Verräter können knien.

MICHELE reicht ihm eine Falkenfeder:
So nehmt dies zum Zeichen.

ENZIO, erstaunt, erfreut, glücklich:
Eine – eine Falkenfeder…?

MICHELE lügt gut:
Der Kaiser gab sie meinem Agenten in Lago Pesole.

ENZIO ist verführt:
Sie lag also in meines Vaters Hand?…
Sehr offen, sehr verschwörerisch
Höre: Bei der Brücke San Ambrogio über die Scultenna, wo ich ins Elend geriet, auf dem westlichen Ufer, unter dem zweiten Pfeiler. Eintausend Goldstücke zumindest.

Schließ- und Riegelgeräusche.

LAMBERTINO stürmt rein, einen toten Falken in der Hand:
Schließt die Kammer auf, Messere di Ebubo.

ALBINGO ist sehr verschreckt aufgewacht; hat große Mühe, sich zurechtzufinden:
Ja! Was? Mir träumte –

LAMBERTINO:
Aufschließen!

ALBINGO geht zur Kammertür:
Ja. Was soll das tote Vogelvieh?

LAMBERTINO:
Ein Falke. Warum schließt Ihr nicht auf?

ALBINGO, irritiert, weil der Schlüssel ja weg ist:
Ja, sicher – weil… Wo ist der Schlüssel?

LAMBERTINO:
Das müsst Ihr wissen!

ALBINGO zeigt die rechte Faust:
In dieser Faust hielt ich ihn.

LAMBERTINO:
Wo ist er?

ALBINGO, immer unsicherer – die linke Faust:
Oder – hielt ich ihn in dieser Faust?

LAMBERTINO wird ungehalten:
Wo er ist?!

ALBINGO:
Bevor ich – also, da war er noch da. Was soll der tote Vogel?

LAMBERTINO:
Sucht den Schlüssel!

ALBINGO kriecht auf dem Fußboden herum.

LAMBERTINO kriecht mit, unter Such-Ächzen, aber ganz schön bedrohlich:
Messere di Ebubo, ich muss argwöhnen, dass Ihr Euer schweres Wächteramt nicht mit der gebotenen Sorgfalt …

ALBINGO hat Angst, unzuverlässig erscheinen zu können:
Doch doch – nein – ja!… Sehr sorgfältig!…

MICHELE hat beim ersten Rumoren den Dolch gezogen und ENZIO in Schach gehalten, gezischt:
Kein Laut!, – es wäre unser Verderben!
Durch einen Schlitz des Fensterchens beobachtet er das Treiben im Saal.

Als ALBINGO und LAMBERTINO unter dem Tisch suchen, schleicht MICHELE rasch aus der Kammer, ohne sie zu verschließen, legt den Schlüssel auf den Tisch, versteckt sich nahe der großen Tür.

ALBINGO kommt einigermaßen erschöpft hoch:
Es müssen böse Geister – in dieser Faust hielt ich –
Er entdeckt den Schlüssel auf dem Tisch:
Hier ist er ja!

LAMBERTINO:
So schließt endlich auf!

ALBINGO will aufschließen, aber:
Die Tür ist ja auf!?

LAMBERTINO, entsetzt:
Waas?!

ALBINGO mimt sofort eifriges Schließen:
Nein nein! Ein Irrtum! Alles in Ordnung!
Er stößt die Tür auf.

LAMBERTINO wirft den Falken in die Kammer, macht die Tür zu, befiehlt ALBINGO:
Schließt zu!

Das tut ALBINGO.

LAMBERTINO schaut triumphierend hämisch durch das Fensterchen.

Unterdessen Schließ- und Riegelgeräusche.

PIETRO und SERVINELLA kommen herein. MICHELE schlüpft unbemerkt raus.

DER SOLDAT steht in der Tür, unschlüssig, ob er gleich wieder abschließen soll; normalerweise geht sonst der Wächter vom Nachtdiensat.

PIETRO, reichlich verwundert:
Messere die Lambertini, so früh – ?

ALBINGO, verständnislos:
Er hat einen toten Falken in die Kammer des Königs geworfen.

PIETRO, angewidert:
Welch eine neue Laune… Warum das?

LAMBERTINO geht zu den Dreien, leise verschwörerisch:
Weil der Kaiser tot ist, der Vater, am Tage der Heiligen Lucia, in einer Jagdhütte unweit Lagopesole, der Antichrist! Der tote Falke zum Zeichen!

ENZIO, wunderbar laut:
Es gibt kein Gesetz, das den König von Sardinien verurteilt, mit einem stinkenden Falkenkadaver die Kammer zu teilen! 

LAMBERTINO geht zur Kammer, auch laut:
Hier kommt die Gesetzesauslegung!: –

PIETRO springt vor die Kammertür:
Ihr nicht! Messere di Ebubo ist der Wachhabende vom Dienst. Er soll es ihm sagen.

ALBINGO weigert sich:
Ich kanns nicht! Wir haben gestern abend miteinadner gelacht. Mein Dienst ist zu Ende. Messere Arsinelli, der Eure hat begonnen, die Sonne –

PIETRO wehrt sich auch, sehr betroffen:
Noch unter dem Horizont! Ich kanns nicht!

LAMBERTINO will PIETRO wegschieben:
Aber ich kanns – mit dem größten Vergnügen!

PIETRO wehrt sich handgreiflich, verzweifelt:
Nein, Ihr nicht! Ihr seid zu …

SERVINELLA weiß LAMBERTINO abzulenken:
Ihr habt doch heute nacht dreimal mein Tränklein getrunken, Messere dei Lambertini?

LAMBERTINOS Interesse wechselt augenblicklich:
Habe ich, – dreimal . Der Mond strahlte hell, – aber …

SERVINELLA, kupplerinverführerisch:
So müsst Ihr nach Hause eilen – Euer Weibchen Francesca erwacht soeben und räkelt sich und verlangt nach Euch!…

LAMBERINO rennt ab:
Was?!
Er ruft noch:
Sagt es ihm!

Tableaux von einiger Dauer: ENZIO, auf größter Distanz zu dem Falken in seiner Kammer; PIETRO, abgewendet von der Tür zur Kammer, ALBINGO, auf dem Sprung nach draußen, DER SOLDAT wartet immer noch.

SERVINELLA ist mit dem Blick von einem zum anderen gewandert:
Euer Umgang mit dem Tod ist erbärmlich.

ALBINGO wirft den Schlüssel auf den Tisch und verschwindet: 
Die Sonne hoch über dem Horizont!

DER SOLDAT geht auch.

Schließ- und Riegelgeräusche.

PIETRO, nach einer Pause, leise:
Ich liebe ihn zu sehr…

SERVINELLA nimmt den Schlüssel und schließt die Kammertür auf:
Das Einzige, was ich gelten lasse…

ENZIO stürmt aus der Kammer:
Was ist das für ein Morgen?! Freund Pietro…?

PIETRO wendet sich ab, verkriecht, verschließt sich.

ENZIO:
Was ist in Euch gefahren?

SERVINELLA hat schon den Falken in der Hand:
Lasst ihn, Majestätchen. Ich erklärs Euch gleich.
Sie wirft den Vogel aus dem Fenster, steht still, dem Fenster zugewandt.

ENZIO muss das Alles sehr verwundern, fast befehlend:
Willst du nicht meine Kammer saubermachen?

SERVINELLA kann kaum die Tränen zurückhalten:
Gehört es nicht zum Saubermachen, den Falken auf seinen letzten Flug zu schicken?
Sie heult los und rennt in die Kammer.

ENZIO folgt ihr:
Warum weinst du? Geht dir der Tod des Vogels so zu Herzen?

SERVINELLA schließt die Kammertür von innen, lehnt sich an sie.

ENZIO, sehr verwundert:
Was ist denn bloß los heute morgen?

SERVINELLA, sehr leise:
Die Welt verändert …

ENZIO, nach einer Pause:
Warum fragst du mich nicht, wie jeden Morgen, nach dem Traum der Nacht?

SERVINELLA hat an ihrer Trauerbotschaft zu kauen:
Was also hat die Hoheit geträumt?

ENZIO, mit winzigem Triumph:
Nichts.

SERVINELLA, ein wenig erstaunt:
Wie? Kein Pferd, gesattelt und gezäumt und ohne Reiter?

ENZIO:
Nichts heute Nacht. Das ist mir angenehm. Es schenkt mir Freiheit. Willst du nicht saubermachen?

SERVINELLA:
Gleich. Warum träumst du nie von deiner Mutter, Majestätchen?

ENZIO, eher muffig:
Ich weiß von keiner Mutter. Ja: ein Edelfräulein in den deutschen Stammlanden, Adelheid von Hohenburg, – mehr weiß ich nicht.

SERVINELLA:
Und warum träumt die Hoheit nie von Frauen?

ENZIO, mit einem Lachen:
Wie kannst du fragen, warum ich etwas nicht träume?

SERVINELLA:
Ein Mann wie du …

ENZIO:
Ich habe Anderes zu tun. Wenn ich erst wieder in die Freiheit reite, werde ich auch wieder Dirnen haben. Solange – soll es auch was geben, das spielt ein Mann allein…

SERVINELLA mag das nicht hören:
Du doch nicht, Majestätchen. Solche Spiele überlassen wir doch dem Albingo di Ebubo.

ENZIO:
Was wollte mein Peiniger mit dem toten Vogel?

SERVINELLA fängt spontan an, das Bett zu richten:
Es wird keine Pferde geben im Gefängnis der Hoheit. Das bleibt der Traum in jeder Nacht. Aber eine Frau … ?

ENZIO dämmert mit einigem Erschrecken, dass SERVINELLA selbst sich andienen könnte:
Servinella … ?

SERVINELLA hält in gebückter Stellung mit Arbeiten inne, wendet den Kopf zurück, auf ihre Weise kokett, was ENZIO so völlig missversteht:
Ja – Majestätchen?

ENZIO, lauernd:
Es gibt in meinem Gefängnis nur eine Frau …

SERVINELLA vergrößert ungewollt das Missverständnis:
Und die ist kein Traum. Die will dir Liebe verschaffen.

ENZIO, ziemlich fassungslos, leise.
… dass sich mir ein solcher Leib andient… Was kostest du?

SERVINELLA, nun auch fassungslos, aber erheitert:
Waas? Ich doch nicht!
Kurz liebevoll nachdenklich, vernuschelt:
Obwohl – meine Liebe, aber…

ENZIO will rasch vom peinlichen Missverständnis weg:
Was du zusammenschwätzt!, – mach sauber!

SERVINELLA arbeitet weiter:
Du verkennst mein Gewerbe, Majestätchen: Ich bin Kupplerin.

ENZIO ist froh, dass die Sache so ausgeht, und schon gleich lüstern:
Teufelsweib! So schaff mir eine Dirne!

SERVINELLA, triumphierend:
Ah, – ziehts in den Lenden, hä? Dazu brauche ich Geld.

ENZIO, aufgeräumt:
Da bist du nicht die erste heute. Die Dirne will es nicht umsonst tun.

SERVINELLA, zuerst etwas geheimnisvoll:
Die Dame tut es umsonst… I c h will Geld, ich kupple nicht ohne Lohn.

ENZIO geht zuerst auf den zweiten Satz ein:
Wie teuer also bist du?

SERVINELLA:
Für Euch mach ich eine gnädige Taxe.

ENZIO kommt jetzt verwundert darauf zurück:
Aber wieso tut es die Dame umsonst?

SERVINELLA:
Weil sie liebt.

ENZIO, schwerhörig, taktlos:
Ich will nichts geschenkt.

SERVINELLA:
Aber Majestätchen!, – das schönste Geschenk des Himmels auf Erden!…

ENZIO:
Du redest wie ein Trobadore. Das taugt nicht ins Freudenhaus. 

SERVINELLA stellt ‚vornehm‘ richtig:
Oh nein, Hoheit!, die Dame kommt aus dem vornehmsten Hause Bolognas!

ENZIO ist sehr verwundert:
Und liebte einen Gefangenen? Liegen ihr nicht Helden genug zu Füßen?

SERVINELLA lächelt:
Wie schön ahnungslos du bist, was Weiberherzen angeht…

ENZIO schaltet plötzlich auf ernst:
Servinella, steh ab von deiner Kuppelei. Ich wills dir entgelten, aber – keine Frauen jetzt. Auch verbieten die Statuten jeden Besuch von Damen.

SERVINELLA:
Noch sind die Statuten nicht geändert.

ENZIO:
Dennoch: – der Vater – er will mich besser, als er selber ist -, der Vater würde es nicht leiden, finge ich jetzt an, mit der Liebe zu spielen.

SERVINELLA muss nun zuschlagen:
Der Vater ist tot.

ENZIO reißt es mit einem dumpfen Laut.

SERVINELLA bleibt jetzt ganz trocken:
In einer Jagdhütte unweit Lagopesole starb die Majestät.

ENZIO springt sie an, würgt sie.

SERVINELLA:
Aua! Du tust mir weh! Ich bin nur der Bote!

ENZIO stürzt auf das Lager, würgt mit Klagelauten an seinem Schmerz.

SERVINELLA:
Am Tag der Heiligen Lucia…

ENZIO sucht verzweifelt nach der Falkenfeder:
Aber – die Feder, die mir Michele gebracht –

SERVINELLA:
Was Feder!, – der tote Falke war das Zeichen!
Übergangslos:
Ich hol dir die Dame.

ENZIO, plötzlich wütend:
Hör auf von Weibern! Jetzt!

SERVINELLA, unbeirrt:
Nein, deswegen habe ich angefangen. Ein Sohn, dem solcher Vater gestorben ist, der braucht eine Freundin.

ENZIO will zwischendurch unerwartet wissen:
Wie alt ist sie?

SERVINELLA, ganz Kupplerin:
Blühend – glühend…!

ENZIO windet sich:
Noch nicht jetzt.

SERVINELLA, abfällig:
Jetzt – jetzt! Ihr Männer könnt immer nur Alles hintereinander! In drei Tagen springst du auf die erstbeste Bauerndirne. Aber in drei Tagen ist der Vater genauso tot wie heute. Sage dem Messere Arsinelli, dass du den Besuch einer vornehmen Dame erwartest, – dass er nicht widerborstig ist.
Sie geht aus der Kammer, an PIETRO vorbei:
Er weiß es.
Sie klopft an die Tür und sagt zum SOLDATEN, der am Fensterchen erscheint: 
Lass mich raus.

Schließ- und Riegelgeräusche. Die Tür geht auf. 

SERVINELLA geht.

DER SOLDAT schließt die Tür von außen.

Schließ- und Riegelgeräusche.

ENZIO steht abrupt auf, geht aus der Kammer, stolpert über den Balken, fängt sich aber sehr elegant, geht zum abgewandten PIETRO, dreht ihn an den Schultern um, umarmt ihn.

PIETRO erwidert die Umarmung sehr scheu:
Die Hoheit umarmt mich – zum ersten Mal…

ENZIO, eher befreit:
Der Vater ist tot.

PIETRO, in großer Betroffenheit verharrend:
Ich weiß es – ja…

ENZIO:
Ich bin der Kaiser. Mit verbrieften Rechten.

PIETRO kniet, leise:
Majestät…

ENZIO hebt ihn auf, ein befreiendes Lachen kommt ihm leicht in die Gurgel:
Willst du mein Maresciallo sein? Geh, sattle mir mein Pferd. Sie sollen ihn noch nicht begraben, ich will dabei sein.

PIETRO, recht irritiert:
Woher nehmt ihr die Gewissheit, dass – ?

ENZIO unterbricht ungestüm, ungeduldig:
Wo residiert der Papst? In Rom – oder Lyon? Dass ich nichts weiß von der Welt draußen… Ich will gleich zum Papst reiten und Frieden schließen!

PIETRO:
Aber Ihr seid verketzert und lebt im Bann der Kirche!

ENZIO geht viel – wie sinnlos – umher:
Die Welt lässt sich verändern – oder? Sie wird einem Friedensfürsten das Gastrecht nicht verweigern. Ich brenne darauf zu herrschen als Einer, der die Liebe im Schilde führt! Sollte sie nicht mehr bewirken als der Tod eines Soldaten und noch eines Soldaten und noch eines Soldaten…?

PIETRO fängt ein wenig Feuer:
Es wäre zu wünschen, Majestät…

ENZIO will sich von keinen Konjunktiven bremsen lassen:
Wäre zu wünschen!… Es ist zu tun! Von einem, der mich zu lieben vorgibt, erwarte ich andere Rede! Das Schwert soll in der Scheide verrosten! Der Griffel soll, über den Papyros eilend, vom Frieden künden, landauf, landab, landauf, landab… Pietro, du bist mir zu schweigsam!

PIETRO würde ja gerne mitjubeln, aber -:
Die Hoheit ist beredt…

ENZIO besinnt sich ein wenig:
Ja, – ich kann dato nicht anders trauern. Zögerst du etwa, mir Gefolgschaft zu leisten?

PIETRO bekennt, ehrlich, liebend:
Nein. Nie. 
So leise, dass ENZIO es überhört:
Umarmt mich noch einmal,Majestät…

ENZIO:
Du musst Kanzler werden, Pietro, – in der Freiheit!…

PIETRO kann seine Skepsis nicht unterdrücken:
Die einzige Freiheit, die ich an diesem Morgen sehe, ist Eure Freiheit vom Vater.

ENZIO nimmts weiterhin leicht:
Es wird nicht leicht sein ohne seine Befehle. Keine Antwort, wenn ich ihn um Rat fragen –
Er hat das Fenster geöffnet, das Wort
möchte…
erstirbt ihm auf den Lippen, weil er auf der Piazza etwas ihm kaum Fassbares sieht. Er rennt wie ein Irrer in die Kammer und kramt herum, vieles durcheinander schmeißend, bis er die Spiegelscherbe findet. In die schaut er, um seine Frisur zu richten.

PIETRO ist zum Fenster gegangen, sehr erstaunt:
Lucia da Viadagola – der Schleier verbirgt es kaum. Sie macht einen langen Weg von der Sänfte zum Gefängnistor.

ENZIO:
Frauen dürfen also noch zu mir kommen?

PIETRO:
Jeden Tag will man die Statuten ändern, aber bis jetzt ist es nicht geschehn.
Er informiert ENZIO:
Lucias Bruder ist eifrig im Lager Eurer Feinde, Majestät, stolz guelfisch bis ins innerste Mark. Was will sie hier?

ENZIO ist aus der Kammer gekommen, gibt PIETRO die Spiegelscherbe, frisiert an sich rum:
Halte mir das. Wenn meine Haare so liegen, – ich weiß das – das lieben die Frauen.

PIETRO, lächelnd, leise:
Ich auch…

ENZIO, eher nebenbei:
Sie hat mich geküsst – vor tausend Jahren… Oder habe ich das geträumt?

Schließ- und Riegelgeräusche

SERVINELLA kommt eifrig beflissen rein, lässt die große Tür offen, läuft zu ENZIO, zupft an seiner Kleidung rum, streicht ihm über die Haare.

ENZIO, ungehalten:
Nicht die Haare so!
Er ändert es wieder, nervös mit dem Spiegel umgehend:
So! So lieben es die Frauen!

SERVINELLA:
Wenn sie es nur lieben…

ENZIO fingert leidend an einer Schleife in der Taille herum:
Eine so schöne Frau zu empfangen ohne das Schwert in der Schlaufe – abgerüstet…

PIETRO, bissig, gequält, obszön:
Ihre Schlaufe wird Wert legen auf das andere Schwert.

SERVINELA, mit ihrer kleinen Koketterie:
Messere Arsinelli, habt Ihr nicht mit dem Commandante draußen Dringliches zu bereden?

PIETRO geht raus, wehmütig:
Der Liebende schießt der Liebe den Weg frei…

ENZIO:
Deinen Kuppellohn bekommst du morgen. Messere degli Orsi wird mir Geld besor-

SERVINELLA hat zur Tür geschaut, legt ihm die Hand auf den Mund, verneigt sich tief.

Die wunderschöne LUCIA DA VIADAGOLA, äußerst geschmackvoll und reich gekleidet, das Gebände auf dem Kopf, verschleiert, tritt ein, bleibt an der Tür stehen.

DER SOLDAT schließt die Tür von außen.

Schließ- und Riegelgeräusche,

die LUCIA deutlich zur Kenntnis nimmt, aber eher erfreut.

ENZIO steht zwischen Kammertür und Balken, hebt ihr den Arm einladend entgegen; die Geste ist schön, wird aber von Unsicherheit gebrochen (was sie vielleicht noch schöner macht).

LUCIA geht langsam, schön, würdevoll zu ihm.

ENZIO weist mit einer elegant lässigen Geste des Unterarms und ausgestrecktem Zeigefinger auf den Stolperbalken.

LUCIA verzögert den Schritt, rafft den Rock und steigt schleppen- und überhaupt kostümbewusst über das Hindernis, kann sogar kurz stehenbleiben und hinter sich schauen, dann geht sie in die Kammer.

ENZIO will folgen, zischt aber noch zu SERVINRELLA:
Du bist sicher, dass sie kein Engel ist?

SERVINELLA schiebt ihn in die Kammer:
Ein Engel vielleicht, aber einer zum Anfassen.

ENZIO geht in die Kammer.

SERVINELLA schließt die Tür, setzt sich auf die Bank und bleibt lange bewegungslos sitzen.

Auch ENZIO und LUCIA verharren zunächst fast regungslos. Ihre Augen wandern. Wenn die Blicke aufeinandertreffen, ist die Verlegenheit groß, aus Lächeln wird sekundenschnell tiefer Ernst. Schließlich öffnet LUCIA die Schließe ihres Mantels.

ENZIO eilt, ihn ihr abzunehmen. Sie muss sich dabei drehen und wenden. Er streichelt genussvoll begierdig ihren Arm, über ihren Rücken. Er weiß nicht, wohin mit dem sperrigen, voluminösen Kleidungsstück, rennt zu SERVINELLA raus, wuchtet ihr den Mantel hin:
Ich habe ihn gestreichelt. Er ist noch da.

SERVINELLA, reichlich verwundert über den Gebrauch des männlichen Pronomens:
Wer – er?

ENZIO rennt in die Kammer zurück:
Der Engel!
Er schließt die Tür von innen, sucht sich zu fassen:
Lucia – nicht lange vorbei, dass Ihr Namenstag hattet…

LUCIA, erstmal spröde:
Lange genug vorbei.
Dann sehr einladend:
Mein Ohr ist begierig auf andere Rede.
Damit hat sie den Schleier gelüftet und offenbart große geheimnisvolle Schönheit.

ENZIO – es ist wohl so, dass ihm die Knie weich werden, er sinkt mit hinreißendem Lächeln zu Boden, auf die Knie, aber es ist nicht eigentlich ein Kniefall, – eine Schwäche, eine Fassungslosigkeit, immense Verlegenheit, Geblendetsein.

LUCIA geht rasch zu ihm, fasst ihn an den Ellenbogen und hebt ihn auf:
Nicht doch mir zu Füßen, – deine Lippen nahe den meinen…

ENZIO hat auch ihren Unterarm ergriffen, steht ihr sehr nahe:
Euer Atem haucht Rosenduft in diesen Kerker.

LUCIA haucht ihn zärtlich und zurückhaltend an:
Öl von roten Rosen.

ENZIO:
Glühend heiß – Rosen als Brandstifter.
Ihn verlässt der Mut. Er löst die große Körpernähe, streicht über Bett und Kissen:
Euer Glanz in dieser Armseligkeit… Ein einziges einzelnes Kissen.

LUCIA, leise, zärtlich:
Platz genug, zwei Köpfe darauf zu betten.

ENZIO geht leider nicht darauf ein, entfernt sich eher noch:
Wie jammernswert, dass ich ein so schlechter Gastgeber geworden bin.

LUCIA leidet die Entfernung, stichelt provozierend:
Geworden? Wart Ihr je ein guter?

ENZIO, empfindlich:
Was fällt Euch ein, so zu fragen?

LUCIA freut sich, ihn getroffen zu haben:
O, nichts weiter… Ja, die kurze Spanne vielleicht, da ihr König spieltet und – Ehemann in Torre und Gallura auf Sardinien. Die meiste Zeit seid Ihr in meiner lombardischen Heimat Soldat gewesen …
Unerwartet scharf:
… und Henker!

ENZIO stumpft ab, weiß nicht gleich zu antworten:
Die Arbeit eines Königs – für den Vater.

LUCIA, ein wenig schulmeisterlich rechthaberisch:
Und es fand sich keine andere Königsarbeit – für den himmlischen Vater…?

ENZIO ist doch etwas gekränkt:
Wollt Ihr Euch zu meinem Beichtiger aufspielen? Der Stolz des Gefangenen ist wohlfeil zu brechen.

LUCIA will alles andere, vor allem das Gespräch wieder wenden:
Nein nein, ich will mich gewiss nicht aufspielen – nicht spielen – was rede ich für Torheiten? Ach – könnt ich sagen, was ich will…
Sie neigt den Kopf tief auf die Brust.

ENZIO hat ihr Gebände vor Augen, wieder überlegener, will etwas wissen:
Euer Kopfschmuck verrät die Ehefrau – ?

LUCIA, sehr rasch richtigstellend:
Die Witwe. Mein jüngerer Bruder wünscht, dass ich dies Zeichen meines Standes trage.

ENZIO, mit kleinem Argwohn:
Weiß Euer kleiner Bruder, dass Ihr hier seid?

LUCIA ist unerwartet erschrocken-betroffen:
Er selber schickt mich.

ENZIO, einigermaßen misstrauisch:
Er? Guelfisch bis ins Mark?
Plötzlich hoffnungsfroh:
Etwa, den Frieden zu suchen?

LUCIA trägt ein Geheimnis, sehr vieldeutig:
Den Frieden – ja, …

ENZIO geht wieder auf das Gebände ein:
Der Bruder also wünscht diesen Rahmen für das himmlisch schöne Bild?

LUCIA, als löse sie sich von einem Zwang, nimmt seine Hand und führt sie zärtlich über seine Wange:
Das – ist kein Bild…

ENZIO nimmt lachend ihre Hand und batscht und presst sie übermütig über sein Gesicht:
Und das – ist ein Bart!

LUCIA ist froh, dieses Spiel spielen zu können. Sie führt einen seiner Finger über seine Nase:
Das eine Nase.

ENZIO legt ihre Hand auf seine Stirn:
Meine Stirn.

LUCIA wagt es auch mit dem Mund, führt seine Finger darüber:
Mein Mund – Lippe, Lippe, Zähne…

ENZIO, in tiefster Verliebtheit:
Nimm den Schleier ab.

LUCIA, schön verwundert:
Ich habe ihn abgelegt.

ENZIO:
Du trägst abertausend Schleier.

LUCIA:
Wirst du sie lüften?

ENZIO:
Das kostet Zeit.

LUCIA:
Zeit – Amor hat kein köstlicheres Geschenk…
Sie entdeckt die Schwertschlaufe:
Was ist das?

ENZIO, empfindlich:
Meine Schande. Die Schlaufe, die das Schwert des Ritters und Königs hält. Leer in der Gefangenschaft.

LUCIA steht sehr begehrenswert vor ihm, deutlich zweideutig:
Wirklich kein Schwert? Ich will nicht hoffen –

ENZIO geht ermutigt darauf ein:
Es sei denn, Ihr schmiedet ihm eins – dem Henker.

LUCIA umarmt und küsst ihn:
Zum Teufel mit dem Henker!
Sie fasst ihn in der Taille:
Durch Messere di Ebubo weiß die Stadt, dass der König von Sardinien kitzlig ist…?

ENZIO wehrt sich lachend. Es entsteht eine kleine Balgerei voller Juchzen und Lachen.

LUCIA hat dabei etwas Mühe mit dem Gebände:
Es ist ein Kopfschmuck gegen das Lachen und gegen das Küssen und …

ENZIO
So hört auf zu lachen und zu küssen – oder …

LUCIA weiß, was er meint:
Oder?

ENZIO nimmt ihr nach kurzer Pause sehr behutsam das Gebände ab, hat dann viel Bindenzeug in Händen.

LUCIA schüttelt ihr langen Haare, ernst:
Da habt Ihr meine Haare. Nun könnte ich lachen, aber …

ENZIO ist etwas unsicher: 
Trat ich Euch zu nahe? Soll ich es Euch wieder aufsetzen?

LUCIA nimmts wieder leicht und lacht:
Das versucht nur.

ENZIO wird selbst bei Ansätzen dazu sehr hilflos und komisch sein.

LUCIA:
Was drei Frauenzimmer in einer Stunde zauberten, wird ein Mannsbild nicht in drei Tagen schaffen.

ENZIO rennt mit dem zerrupften, flatternden Gebände zu SERVINELLA, gibt es ihr, ist sehr aufgekratzt:
Aus Fleisch und Blut, Servinella – und sie sagt Sachen – kein Engel! Als nächstes was?

SERVINELLA:
Die Gürtelschnalle lösen.

ENZIO ist schon wieder in der Kammer, wo LUCIA ihm den Rücken zukehrt. Er ist jetzt gut in Fahrt:
Abgewendet, Lucia da Viadagola?
Er kokettiert mit königlicher Enttäuschung:
Ich bin es nicht gewohnt, mit mir spielen zu lassen.

LUCIA dreht sich nicht um:
Du Armer!

ENZIO:
Arm?

LUCIA:
Spielen ist ein Reichtum. Weiß man das nicht in Deutschland?

ENZIO:
Ich bin auf Sizilien groß geworden.

LUCIA:
Dann tut, was Servinella Euch gesagt hat: oder trugen die Schönen auf Sizilien keine Gürtel?

ENZIO, schön ungeduldig und ein wenig unerfahren mit schicken Damen:
Aber wie soll ich Eure Schnalle erreichen?

LUCIA dreht, bei sonst statuarischem Stillstehen die Gürtelschnalle nach hinten. 

ENZIO greift etwas zögerlich zu. LUCIA ist in zwiespältigster Gefühlsverwirrung, dreht sich lachend abrupt um. ENZIO will an die Gürtelschnalle, die ja nun wieder von ihm abgewendet ist. Es entsteht ein noch intimeres Gebalge, in dessen Verlauf LUCIA deutlich erkennbar ein Dolch aus dem weiten Ärmel fällt und über den Boden rollt. Kein Zweifel, dass das versehentlich und ohne ihr Zutun geschieht. Nach kurzer Schrecksekunde will LUCIA ihn greifen, aber ENZIO tritt ihr – wie absichtlich oder instinktiv sei dahingestellt – unnachsichtlich auf die Hand. 

LUCIA schreit auf:
Aua! Meine Hand!

ENZIO hebt den Dolch auf, sehr verändert, ohne Mitleid:
Wenn Ihr den Krieg wollt?! Ich muss Euch warnen: Da bin ich in meinem Fach und besser zur Hand als mit Weiberkleidern.

LUCIA will ihm den Dolch abjagen, ist aber seiner Kraft und seinem Geschick hoffnungslos unterlegen. Sie küsst ihn plötzlich.

ENZIO, nur kurz irritiert, hält den Dolch hoch über seinem Kopf:
Was wollt Ihr? Küssen? Oder zustoßen?

LUCIA weint in ihrer Not:
Beides doch, du tumber Deutscher! 

ENZIO hat es leicht, überlegen zu sein:
Glaubt Ihr im Ernst, ich überlasse Euch diesen Schatz? Nun hat der Krieg wieder Waffen!

LUCIA bricht an der Liege zusammen:
Es ist alles verloren!…
Sie schaut zu ihm auf:
Wollt Ihr nicht zustoßen?

ENZIO:
Eine tote Lucia da Viadagola in des Kaisers Kerker? Nein. Geht!

LUCIA besinnt sich:
Nein, mit Gottes Hilfe und der Wahrheit ist nichts verloren. Lasst mich erzählen, was mich zu Euch führt.

ENZIO, kühl:
Ich höre.

LUCIA bleibt halb am Boden, wendet ihm den Rücken zu, und die Haltung ist schwer einzuordnen zwischen Demütigkeit und Laszivität: 
Die Gürtelschnalle noch immer ungeöffnet…

ENZIO öffnet sie nach kleiner Besinnungspause mit knapper Bewegung.

LUCIA, enttäuscht:
Noch einmal schließen und wieder öffnen.

ENZIO lacht höhnisch auf:
 Dass Ihr mir die Waffe abjagt? Nein! Ich bin auf der Hut!

LUCIA:
Es ist nur, dass ich mir das Öffnen zärtlicher gewünscht hätte…

ENZIO:
Da ist der Dolch im Wege.

LUCIA:
Am Tage Eures Einzuges in Bologna, als ich Euch unter meinen Mantel nahm und küsste und lächeln machte, –
Sie zeigt ihm das Schnur-Ende, und der Ton ist ist übergangslos gleich:
Wenn Ihr hier ziehen wollt, entschnürt Ihr mein Kleid.

ENZIO zieht langsam in der Taille, und es kommt unter ihrer Erzählung zu einer diskreten mittelalterlichen Entkleidung: Das eng anliegende Oberteil des Kleides blättert wie eine Blüte auf… Darunter trägt sie ein zartes, reich besticktes und verziertes Hemd. Um so komischer, als ENZIO bei alledem den Dolch vor ihrem möglichen Zugriff schützt. 

LUCIA:
Mein Bruder war über das, was ich getan hatte, aufs äußerste empört. Ich verstand ihn nur zu gut, aber vergebens forschte ich in mir nach Spuren von Reue… Mein Bruder beschwor mich, die Ehre des guelfischen Hauses da Viadagola wiederherzustellen. Sein Plan war einfach und schlau: Ich sollte zu Euch gehen, alle Liebe heucheln und den verhassten Feind – morden. Er sorgte dafür, dass den Frauen der Zutritt zum Gefängnis nicht verboten wurde. Er unterrichtete mich im Umgang mit der Waffe, zeigte mir den Sitz des Herzens, wo wir alle sterblich sind…, und nahm Servinella als Kupplerin in Dienste. O, – sehr schlau war sein Plan – bis auf einen Punkt…

ENZIO hat sich gefangen nehmen lassen, auch nur zögernd entschnürt, hütet allerdings den Dolch:
Welchen Punkt?

LUCIA bekennt:
Ich kann die Liebe nicht heucheln.

ENZIO ermisst nicht gleich das ganze Ausmaß des Bekenntnisses, ist beeindruckt, aber noch auf der Hut:
Ich finde, dass Ihr die Liebe vorzüglich spielt.

LUCIA, sehr leise, ernst:
Ich spiele nicht – nichts.
Wieder übergangslos:
Zieh fester.

ENZIO enthüllt sie weitgehend bis aufs Hemd und reicht ihr den Dolch:
Geliebte Feindin: – stoß zu.

LUCIA schlägt ihm den Dolch aus der Hand und stürzt sich auf ihn:
Nein! Nein! Nein! Geliebter Freund!, stoß du zu!

Da rasselt der Schepper-Vorhang runter.

SERVINELLA hat sich schon lange auf die Bank gelegt, den Mantel unter dem Kopf.

Schließ- und Riegelgeräusche.

SERVINELLA fährt auf, sie will den Mantel verstecken, aber

LAMBERTINO kommt rasch rein und will sich neben sie setzen. Er ist geladen, meint den Mantel:
Nimm das weg!

SERVINELLA hievt den Mantel auf die andere Seite, zupft daran herum.

LAMBERTINO:
Was steht da für eine Sänfte auf der Piazza?

SERVINELLA spielt ganz unschuldig:
Steht auf der Piazza eine Sänfte?

LAMBERTINO:
Wo ist der Gefangene?

SERVINELLA:
In seiner Kammer.

LAMBERTINO hat zwar andere Sorgen, aber:
Am helllichten Tag? Wieso ist er so ruhig?

SERVINELLA:
Woher wisst Ihr, dass er ruhig ist?

LAMBERTINO kommt auf den Mantel zurück:
Was ist das da?

SERVINELLA:
Ein Mantel von Signora da Viadagola.

LAMBERTINO:
Was tut der hier?

SERVINELLA heuchelt jetzt und im Folgenden immer Arbeit am Mantel:
Ich bessere ihn aus. Eine arme Witwe muss sehn, wo sie bleibt.

LAMBERTINO poltert los:
Ich werde dich ins Gefängnis bringen – und da wirst du bleiben!

SERVINELLA schaut ihn erstaunt-erschrocken an:
Waas?

LAMBERTINO:
Jawohl! Als Hexe! Ich zahle und zahle für deine Tränke, aber alles, was ich zu einem Sohn brauche, liegt im Argen – liegt, liegt, liegt – hängt… Wenn du nicht bald Besseres weißt, bringe ich dich vor Gericht!

SERVINELLA setzt sehr untertreibend zu einem diabolischen Plan an:
Euer Weibchen Francesca braucht einen Trank.

LAMBERTINO, gleich wieder ganz eifrig:
Gib her! Ich schütte ihn heute Abend noch in ihren Wein! Das Gemunkel in den Gassen Bolognas über den kinderlosen Lambertino di Guida dei Lambertini wird ja schon lauthals.

SERVINELLA:
Nein, sie muss ihn nicht oben trinken.

LAMBERTINO hat im Folgenden viel zu verkraften:
Nicht oben? Was meinst du?

SERVINELLA:
Er geht nicht durch den Magen. Er muss in den anderen Mund.

LAMBERTINO versteht nur mit Verzögerung:
Den anderen – ? So hilf ihr und mir. Du hast Zugang zu ihr, unter dem Vorwand, weise zu sein. Sie lässt dich ran.

SERVINELLA:
Nein, den Trank muss ein Mann verabreichen.

LAMBERTINO:
Ein Mann? Wieso ein Mann? Doch nicht ein Mann? Was ist der Unterschied?

SERVINELLA:
Ihr solltet den Unterschied nicht kennen?

LAMBERTINO ahnt das Teuflische, das ihm der Konjunktiv eingibt:
Ich wäre ein Mann –

SERVlNELLA, brutal:
Aber nicht der.

LAMBERTINO opponiert vehement:
Ein anderer? Ein dritter, der mir Hörner aufsetzt, dass der Spott in den Gassen Bolognas überschwappt?!

SERVlNELLA bleibt feldherrenruhig:
Nicht doch!, – wir suchen einen, der nicht durch die Gassen Bolognas scharwenzelt, einen Kavalier, der Maulsperre hat.

LAMBERTINO:
Was? Wo sollen wir den finden? Außerhalb? Irgendeinen?

SERVINELLA:
Nicht außerhalb. Und nicht irgend einen –

LAMBERTINO dringlich:
Aber wen?

SERVlNELLA, sehr lässig: 
Einen König – gefangen…

LAMBERTINO klappt die Kinnlade runter, er deutet fassungslos zur Kammertür:

SERVlNELLA nickt.

LAMBERTINO, tonlos:
Aber –

SERVINELLA:
Aber?

LAMBERTINO:
Aber der Papst hat ihn gebannt. Ich kriege einen Teufelsbraten zum Sohn und Erben!

SERVlNELLA, ungerührt:
Aber einen Sohn und Erben.

LAMBERTINO springt in die Entscheidung:
Was soll sie anziehen?

SERVlNELLA freut sich:
Was zum Ausziehen. Sie soll sich schön machen wie die Sünde.

LAMBERTINO ist jetzt ganz Stratege:
Sie kann nicht als Sünde über die Piazza stolzieren.

SERVlNELLA:
So zieht ihr Knabenkleider über das Hemd.

LAMBERTINO:
Nein, sie wirft die Mönchskutte meines Onkels Theobaldo über.

SERVINELLA:
Und der Mönch geht nackt?

LAMBERTINO:
Er geht nicht mehr. Theobaldo liegt seit Wochen am Kaminfeuer und fröstelt. Ich rede auf Francesca ein: Mein Täubchen!, ich führe dich jetzt zu einem Zauberer, der unserem Hause dei Lambertini den langersehnten Erben und Sohn – äh …

SERVINELLA ergänzt:
… einträufeln wird, – das klingt medizinisch.

LAMBERTINO:
Ja: – einträufeln wird. Tue alles, werde ich ihr sagen, was er sagt, und was er will, sei gefügig und empfänglich und …

SERVINELLA:
… in neun Monden…

LAMBERTINO, plötzlich kategorisch streng:
Servinella, ich werde dich fürstlich entlohnen! Aber nur, wenn du schweigst wie ein Grab. Nur wir beide wissen es, und nehmen das Geheimnis dereinst in den Tod. Auch der – der Vat – keine Silbe. Wenn du schwätzt, bringe ich dich alte Hexe an den Galgen!

SERVINELLA:
Als ob ich jemals schwätzen würde…

LAMBERTINO will gehen:
Ich hole sie.

SERVlNELLA:
Bringt Kissen mit.

LAMBERTINO:
Kissen? Wieso Kissen?

SERVlNELLA:
Er hat nur ein einziges. Mehr Kissen sind der Sache dienlich.

LAMBERTINO geht zur Tür uns klopft:
Ich tue alles, was der Sache dienlich ist! 
Zum SOLDATEN, der durch die Öffnung schaut:
Lass mich raus.

Schließ- und Riegelgeräusche.

LAMBERTINO geht raus.

Schließ- und Riegelgeräusche.

SERVINELLA, mit Bezug auf die Kammertür besorgt, aber gleich sich selbst beruhigend
Hoffentlich kann er das, – aber ein Kaiser kann alles…!

LUCIA kommt aus der Kammer, im Hemd, das Kleid ordentlich über dem einem Arm, den anderen Arm sehnsuchtsvoll ausgestreckt in der Kammer, sehr glücklich verliebt:
Servinella…!

SERVINELLA:
Zu Diensten, Signora.

LUCIA wird noch einmal in die Kammer gezogen.

SERVlNELLA äugt vorsichtig in die Kammer, besorgt:
Oh weh, – was habe ich da für eine lange Liebe angerichtet…?

Der Schepper-Vorhang geht hoch.

ENZIO steht hinter LUCIA, hat eine Hand unter ihrer Achsel, lehnt seinen Kopf in ihren Nacken. Ein Bild großer Zärtlichkeit, seine andere Hand weist in den Himmel.

LUCIA:
Nun brauche ich nicht nur mehr Zeit zum Beten, sondern auch mehr Zeit zum Beichten. Erzähle mir von deinen Lieben vor mir.

ENZIO ehrlich:
Flüchtig. Die Liebe flieht den Krieger seit je.

LUCIA, mehrdeutig:
Nun liegt die Flüchtige gefangen… 

Sie stehen versunken.

SERVINELLA, nach kurzer Pause mit lauter Dienstbotenaufforderung:
Zu Diensten, Signora!

LUCIA löst sich von ihm.

ENZIO, der warnt:
Vorsicht, Geliebte, der Balken.

LUCIA schaut ihm tief in die Augen, haucht:
Ja, Geliebter, genug Balken für heute.
Sie steigt anmutig rückwärts über den Balken: 
Servinella, kleide mich an, schnüre mich.

SERVINELLA passt das nicht: 
Das dauert aber!
Sie versucht im Folgenden vergeblich, eine immer wieder abgelenkte, sehr aufmerksame

LUCIA anzukleiden, wobei etliche Kleidungsstücke auf dem Fußboden verstreut werden:
Die Zeit im Gefängnis kann nicht lange genug dauern.

SERVINELLA wirft einen Blick aus dem Fenster:
Oh doch!

ENZIO, gradlinig, zuversichtlich.:
Der Tod des Vaters wird mir die Freiheit bringen.

LUCIA, bestimmt, fast böse:
Ich hasse deine Freiheit!

ENZIO kann das nicht verstehen:
Aber – vielleicht heute Abend noch!

LUCIA sperrt sich:
Ich will sie nicht. Hier habe ich dich sicher. Nichts ist mir an deiner Freiheit gelegen.

ENZIO geht darüber hinweg, lächelnd, liebevoll:
Ich werde sie mit dir teilen. Was wirst du deinem Bruder sagen?

LUCIA ist mutig:
Die Wahrheit wird ihm unerträglich sein. Die werde ich ihm sagen.

ENZIO erschrickt:
Nein! Er wird dich erschlagen!

LUCIA freut sich:
Hast du Angst um mich?

ENZIO zärtlich:
Das fragst du? Bleibe – für immer.

SERVINELLA, spontan protestierend:
Nein!

LUCIA lacht:
Recht hast du, Servinella! Solche Träume träumen Männer.

ENZIO weiß dagegen:
Als ob du Frau ihn nicht auch träumen möchtest.

LUCIA stürzt ihm wieder in die Arme:
Ja! Ja! Ja!…

SERVINELLA kriegt zunehmend Angst vor dem Anmarsch der nächsten Dame. Sie gibt die Ankleideversuche auf, sammelt alles zusammen und gibt es LUCIA:
So wird das nichts. Rafft Euer Zeug zusammen und werft den Mantel über alles.
Sie holt Mantel und Gebände.

LUCIA:
Hole mir die Sänfte ganz nahe ans Portal.

SERVlNELLA tut das mit Pfiffen und Gesten aus dem Fenster.

ENZIO, recht obenhin:
Wo ist der Kanzler Pietro Arsinelli, – dass wir anfangen Politik zu machen?

LUCIA hört das nicht gerne
Lass das mit der Politik. Ruh dich erstmal aus.

SERVlNELLA:
Ja, ruh dich erstmal aus, Majestätchen!

ENZIO, etwas verschwiemelt, sendungsbewusst: 
Große Aufgaben warten auf mich!…

SERVlNELLA, anzüglich trocken:
Sehr große. Deswegen solltest du dich erstmal ausruhen.

LUCIA, wieder zärtlich:
Als ich kam, wollte ich, dass ganz Bologna sieht, wie ich zum armen Gefangenen gehe.
Sie legt den Mantel um, trägt ihre etwas wüste Aufmachung mit Anmut
So – soll mich niemand sehen.

ENZIO:
… wie du den reichen Gefangenen verlässt.

Schließ- und Riegelgeräusche.

ENZIO und LUCIA fliehen in die Kammer, schließen die Tür.

MICHELE kommt rein, hat einigen Triumph auszuspielen:
Wo ist der Gefangene?

SERVlNELLA, verärgert über den unerwarteten Eindringling:
In der Kammer, aber … 

MICHELE, böse:
Der Löwe im innersten Käfig, – da läßt er sich gut reizen.
Er geht zur Kammertür, macht das Fensterchen auf, geht zurück, stolpert empfindlich, aber ohne Sturz über den Balkon und klimper-spielt mit vielen Geldstücken, die er von einer Hand in die andere laufen lässt, höhnisch:
Ihr gabt mir eine gute Adresse, Hoheit: Zweiter Pfeiler unter der Brücke Sant’Ambrogio, – armer Gefangener, reicher Wächter! …

ENZIO versteht den Betrug nicht, liebkost LUCIA, ohne dass Michele und SERVINELLA es sehen können:
Kenntet Ihr meinen Reichtum…!

MICHELE, provozierend:
Das hier wiegt meine flandrischen Tuche auf. Was mir der Vater raubte, zahlt mir der Sohn zurück – weit über Wert!
Nach einer Pause befriedigt:
Jetzt möchtet Ihr mich erwürgen. Ich spüre es durch das Holz der Tür.

ENZIO ist sehr ungerührt, streichelt LUCIA:
Ich habe anderes zu handeln – zu behandeln – zu handhaben – als Krämergeschäfte…

MICHELE, zunehmend verwundert, dass er ins Leere läuft:
He, Hoheit, Euer Geld ist meins geworden!
Irritiert:
Servinella, warum ärgert er sich nicht?

SERVINELLA:
Weil er sich zu sehr freut.

MICHELE übergeht das, weil er es nicht versteht, ruft:
Eure königliche Hoheit kund und zu wissen: Am Ufer der Scultenna findet Ihr nur noch Kiesel! Das Gold ist in meine Tasche geflossen und da bleibt es!

PIETRO ist eingetreten, etwas beunruhigt über die lasche Gefangenschaft:
Majestät müssen jetzt …

ENZIO ruft sehr überlegen:
Kanzler Pietro Arsinelli, verhandelt Ihr das Geschäft mit Messere degli Orsi!

MICHELE, verächtlich:
Was Kanzler! Was Geschäft! Da gibt es nichts zu handeln! Kein Embargo mehr auf meine Tuche! Toter Kaiser, gefangener König, reicher Kaufherr!

ENZIO geht zum ersten Mal auf ihn ein:
Aber die Falkenfeder aus Lagopesole?

MICHELE lacht schäbig:
Als ob es nicht in Bologna Falken genug gäbe!…

ENZIO:
Euer Kniefall!?

MICHELE:
Auch Verräter können knien!

ENZIO erfasst es endlich:
Ihr wollt sagen, dass Ihr mich verraten und betrogen habt?

MICHELE, das wollte er, befriedigt:
Na endlich versteht er!…

ENZIO wird ärgerlich, sucht den Dolch:
Höre, Wächter!, dass du mich um meinen Schatz prellst, das mag angehn – was frage ich nach solchem Geklimper! -, aber dass ich Servinella nicht ihren gerechten Kuppellohn zahlen kann, – das ist eine Sauerei!
Damit ist er wütend aus der Kammertür gestürmt und bedroht MICHELE mit dem Dolch.

MICHELE will erschrocken fliehen, stößt aber mit LAMBERTINO zusammen, der mit einem Kissenberg reinkommt:
Servinella, jetzt steht die Sänfte ganz eng vor dem Portal!

SERVINELLA:
Wie sie da nur hinkommt? Gewiß hat sie Beine.

LUCIA hat ENZIO den Dolch abgenommen und bringt ihn in die Kammer.

LAMBERTINO nimmt in seiner Interessenlage und hinter dem Kissenberg die leise huschende LUCIA nicht wahr, zu MICHELE:
Höre, Wächter, dass Ihr mir ja den Mönch reinlasst!

MICHELE versteht die Welt sowieso nicht mehr:
Welchen Mönch?

LAMBERTINO
Der gleich da sein wird.

MICHELE:
Ich bin nicht der Wächter vom Dienst.

LAMBERTINO:
Wer denn?

PIETRO:
Ich.

LAMBERTINO:
Wenn ein Mönch reinkommt, führt ihn augenblicklich zum Gefangenen! 
Er stürzt zur Kammer und stolpert prompt über den Balken, dass die Kissen purzeln:
Aua! Oh – ah…!

FRANCESCA, eine etwas plumpe, aber reizvolle laszive Naive, was unter Mönchskutte und -kapuze zunächst kaum zu erkennen ist, hat den Raum unbemerkt betreten. Sie fragt MICHELE mit süßer Piepsstimme, vielleicht sogar etwas lispelnd, erwartungs- und verheißungsvoll, wobei sie die Kutte ein wenig öffnet und ein verführerisches Hemd blinken lässt:
Bist du mein Zauberer?..

MICHELE stürmt raus:
Was ist das für ein Tollhaus!?

FRANCESCA:
Nein, mein Zauberer ist zärtlicher – O, so zärtlich…
Sie verdrückt sich, kaum bemerkt, in den Hintergrund und beobachtet die Anwesenden.

SERVINEILA ist schon lange ….

LAMBERTINO zu Hilfe geeilt, der sehr verwundert der aus der Kammer gehenden LUCIA nachschaut:
Wieso ist Lucia da Viadagola hier? Meine Frau –

SERVlNELLA ordnet mit ihm Kissen in der Kammer:
Keine Sorge: Majestätchen haben nur ein wenig trainiert.

LAMBERTINO:
Sage nicht Majestät! Nur dem Kaiser gebührt der Titel Majestät. Der Kaiser ist tot. Es gibt keine Majestät mehr!

SERVINEILA muss das letzte Wort haben:
Ich sage ja Majestätchen…

PIETRO, zu ENZIO, der bei LUCIA steht – niemand nimmt FRANCESCA zur Kenntnis:
Wieso kommt ein Mönch zu Euch, Majestät?

ENZIO versteht überhaupt nichts:
Wieso kommt ein Mönch zu mir?

PIETRO:
Messere dei Lambertini gab Anweisung, ihn vorzulassen. 
Politisch besorgt:
Dies ist nicht die Stunde der Papisten.

ENZIO, mit Blick in die Kammer:
Und wieso braucht ein Mönch so viele Kissen?

LUCIA ist nicht gehfertig und umarmt ENZIO spontan und heftig:
Der Dolch unter deiner – unter unserer Liegestatt.

ENZIO, liebevoll:
Dein Bruder soll ja sorgen, dass dir der Zutritt zu mir nicht verwehrt wird.

LUCIA, siegessicher und zärtlich doppeldeutig:
Ich sorge, – dass ich Zutritt zum Dolch habe, wann immer es mich danach gelüstet.
Ein letzter Kuss und sie rennt weg.

ENZIO geht zum Fenster, beugt sich weit hinaus.

SERVlNELLA kommt aus der Kammer und macht sich an seinen Haaren zu schaffen:
Die Haare so, wie die Frauen es lieben!…

ENZIO schiebt sie weg, wehmütig:
Aber die Frau ist doch gegangen! Lass mich in Ruhe! 
Er wirft eine Kusshand nach draußen unten.

FRANCESCA fragt PIETRO noch verheißungs- und erwartungsvoller bei leicht sich öffnender Kutte:
Dann bist du mein Zauberer?

PIETRO ist der Anblick ziemlich entsetzlich:
Ich doch nicht!

FRANCESCA, verächtlich:
Nein, du bestimmt nicht, du Angsthase! Mein Zauberer ist ja so mutig!…

LAMBERTINO kommt aus der Kammer, in der er 

FRANCESCA schiebt. Sie fragt ganz erstaunt:
Wo bin ich?

LAMBERTINO:
Hier bist du richtig. Beim Zauberer. Zieh die Kutte aus. Und denke daran: gefügig und empfänglich…
Er hilft ihr aus der Kutte.

ENZIO kommt vom Fenster und fragt PIETRO:
Kanzler, finde heraus die Residenz des Papstes.

PIETRO:
Ich habe erkundet, dass Seine Heiligkeit, Innocenz IV., Lyon verlassen hat und auf dem Wege nach Rom ist.

ENZIO freut sich:
So wollen wir ihm entgegenreiten, um endlich Frieden zu schließen. Du arbeitest weise, Pietro, Freund und Kanzler.

LAMBERTINO kommt aus der Kammer, zu PIETRO, er meint die große Tür:
Die Tür sperrangelweit offen, – dies ist kein Taubenschlag, sondern ein Gefängnis, und Ihr seid der Wächter vom Dienst, Messere Arsinelli!

PIETRO geht ein wenig schuldbewusst heraus.

Schließ- und Riegelgeräusche.

ENZIO will bei LAMBERTINO auf seine Rechte pochen:
Aber seit dem Tod meines Vaters am Tage der Heiligen… 
Der Name verzückt ihn:
… Lucia, der Heiligen Lucia – LuciaLuciaLucia, – ist die Gefangenschaft zu Ende!

LAMBERTINO, ganz erstaunt und abweisend
Welcher Teufel bläst Euch solche Mären ein?

ENZIO:
Mit Brief und Siegel vom Juli 1239 hat mich der Vater zum Nachfolger berufen!

LAMBERTINO:
Null und nichtig!

ENZIO beharrt:
Nein!, ich bin fortan der Redegeselle! Was kann die Republik Bologna gegen meine Friedensangebote einzuwenden haben?

LAMBERTINO:
Doch nicht der Bastard des Antichristen auf dem Thron! Aus diesem Gefängnis wandert kein Kaiser in Heilige Römische Reich deutscher Nation!

ENZIO geht stolz und zornig in die Kammer:
Ich teile den Raum nicht mit einem, der der Majestät die Achtung verweigerte.

LAMBERTINO schließt die Kammertür zu.

FRANCESCA wird wohl die Kutte noch vor mancherlei Blößen halten und nur langsam wegziehen:
Dann bist du also mein Zauberer – du bist auch der Schönste!…

ENZIO stürzt nach kurzer Fassungslosigkeit zur Tür, findet Sie verschlossen, ebenso das Fensterchen (das von innen nicht zu öffnen ist). Er hämmert gegen die Tür...

LAMBERTINO, besorgt zu SERVINELLA:
Was bedeutet das? Will er nicht?

SERVlNELLA:
Ich werde ihn wollen machen. Ihr werdet doch nicht hier verweilen, während …

LAMBERTINO, ungerührt:
Ich will die Kissen wieder mitnehmen.

SERVlNELLA, ziemlich fassungslos
Die Kissen?

LAMBERTINO:
Ja, er wird sie nie mehr brauchen.
Ihm fällt ein:
Oder nein: ich könnte unterdessen ins consiglio eilen und …
Er klopft an die Tür. Zum SOLDATEN, der durch das Fensterchen schaut: 
Lass mich raus!

Schließ- und Riegelgeräusche.

LAMBERTINO:
Das consiglio soll endlich beschließen, dass allen Frauen der Zutritt zu diesem geilen Bock verboten wird. So können wir ihn kastrieren.
Er geht raus.

Schließ- und Riegelgeräusche.

SERVINELLA geht rasch zur Kammertür, gegen die ENZIO, nach Blicken auf FRANCESCA immer wieder gehämmert hat. Sie öffnet das Fensterchen.

ENZIO zischt wütend:
Servinella, was will der nackte Mönch in meiner Kammer?

SERVINELLA:
Einen Sohn.

ENZIO wehklagt:
Aber Lucia!, – Lucia war mehr als – meine Lenden sind träge. Du übertreibst deine Kuppeldienste. Frag mich doch erst!…

SERVlNELLA:
Wenn du wüsstest, Majestätchen…

ENZIO:
Ich habe auch kein Geld. Du weißt, dass Michele –

SERVINELLA wehrt ab:
Kein Geld für diese Jungfrau.

ENZIO hat plötzlich kurzen Blick und Interesse für FRANCESCA, zwischen trocken und lüstern abwägend:
Jungfrau?

SERVINELLA:
Und wenn ich dir sage, wie sie heißt …

ENZIO kann das Blicken nicht lassen, stoßseufzend:
Der Mensch ist ein kompliziertes Fleisch. Wie heißt sie?

SERVINELLA serviert trocken, aber im vollen Bewusstsein der Sensation:
Francesca di Guida dei Lambertini.

ENZIO, fassungslos:
Waas? Des Erzfeindes Weib?

SERVINELLA:
Da bleiben die Lenden nicht träge, was?

ENZIO, mit perfidem wachsenden Genussgrimm:
Ihm Hörner aufsetzen, dem Teufel, ihn zum Hahnrei machen? Jetzt weiß ich, warum ich heute nacht nicht geträumt habe. Die Stute soll ihren Reiter haben…!
Er grunzt breit.
Oh, – und mit wieviel Wollust!…
Er stürzt mit Schnauben auf FRANCESCA, die erst erschrocken, dann lüstern kreischt.

Da fällt der Schepper-Vorhang.

SERVINELLA steht ganz still und freut sich:
Zwillingsenkel wird er haben, der Kaiser, der tote…

Blackout, Vorhang.

***

KÖNIG GEFANGEN, dritter Akt

Komödien von Peter Podehl