Juni ’45
Also wieder gleich nach Kriegsende – nach Wien zu den Eltern
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Erinnerungen 12 bis 14
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Erinnerung 12 – Von Ramersdorf nach JWD
Wie kommt Einer im Juni 1945 von München nach Salzburg? Er begibt sich nach Ramersdorf, da beginnt die Autobahn nach Salzburg. Dort steigt er irgendwo ein und wird nach Süden gekarrt. Wir kamen bis Bernau (gibt auch ein Bernau bei Berlin, das hier liegt vor dem Chiemsee.) Da mussten wir alle (alle?) raus und wurden von den Amis nach München zurückgekarrt. Ich landete im Hof des heutigen Landwirtschaftsministeriums, damals saß da eine Institution der US-Army. „Ich will nach Wien, da sind meine Eltern,“ sagte ich zu einem Ami. Irgendwoher wusste er, dass ich aus Deutschland bin und meinte, meine Eltern seien schon lange nicht mehr in Wien. Gelogen. Gut, dass ich ihm nicht glaubte. Ich begab mich wieder nach Ramersdorf und ergatterte einen Lastwagen voller Menschen, der Richtung Salzburg fuhr. Ich stand ziemlich sardinenartig neben einer Frau, der ich an die Wollstrümpfe fasste. Genaueres kann ich nicht sagen, mehr gibt die Erinnerung nicht her.
Gleich hinter Ramersdorf waren einige Vierecke in den Wald geschlagen, in denen die Reste deutscher Militärflugzeuge standen, die wahrscheinlich auf der Autobahn starten und landen sollten. Diese lächerlichen Versuche, noch etwas zu retten.
Kein Halt diesmal in Bernau. Der Wagen machte in Freilassing Schluss. Habe ich da eigentlich was bezahlen müssen? Ich kam an die deutsch-österreichische Grenze, die ich mir fest verrammelt vorstellte. War sie aber gar nicht. Ich überquerte auf einer Brücke die Salzach, ohne zu wissen, dass es der Grenzfluss ist. Ein Ami-Posten wollte meine Papiere sehen, Ich zeigte meinen Entlassungsschein. Er hatte keine Ahnung und ließ mich passieren. Er meinte, Krieg sei nur good for „de rich“. Ohne jegliche weitere Kontrolle erreichte ich den Bahnhof von Salzburg. Da stand ein Güterzug der Amis. Auf einen Waggon mit festgezurrter Plane schwang ich mich. Österreichisches Bahnpersonal war da und ließ uns gewähren. Ich war natürlich nicht allein. Linz, so hieß es, sei das Ziel. Offiziell fuhren nur Züge bis an die Landesgrenze.
Ich hatte Pläne: Einen Ort jwd (janz weit draußen), den hatte ich von der Schauspielschulkollegin Sophie bekommen. Dazu musste ich früher aussteigen: Wels. Dort war der ehemalige Stabsfeldwebel Föttinger zu Hause, der Schirrmeister, mit dem wir Italien entkommen waren. (Ja, gibt noch viel zu erzählen!) Knappe Begrüßung, er konnte mir nicht in das Dorf verhelfen. Ich stellte mich als Anhalter auf. Es hielt ein Mercedes Holzgaser. Ja, gabs, die fuhren mit Holz, das in einem Ofen hinten auf der Stoßstange verheizt wurde, erinnerte mich an den Badezimmerofen in der Würzburgerstraße. Ich wurde gefragt, ob ich entlaust sei. Ich bejahte und stieg ein. Wir fuhren und fuhren, immer tiefer in die Berge, es entstanden keine Gespräche. Ich nannte mein Ziel und bat, mich aussteigen zu lassen, wenn wir an den Abzweig nach meinem Dorf jwd kämen. Aber, so sagten sie, genau dort führen sie hin. War ja schon ein dicker Dusel!
Dort war keine Sophie, aber ihre Schwester, die war sehr nett, gab mir noch eine Adresse in Linz. Ich machte noch Station in Bad Hall, von woher Gustl Lang stammte, ein Freund aus der Schauspielschule. Aber der Vater hatte keine Nachricht. Später erfuhr ich, dass Gustl Lang auf dem Transport in die Gefangenschaft irgendwo in Rumänien verstorben war und am Bahndamm niedergelegt wurde. Weiter nach Linz. Geklingelt bei der Adresse, die mir Sophies Schwester gegeben hatte: „Guten Tag, mein Name ist Peter Podehl.“ „Sind Sie verwandt mit Fritz Podehl?“ War er ein Kostümemacher, der bei meinem Vater bei der Wien-Film gearbeitet hatte. Ob ich da auch geschlafen habe, weiß ich nicht. Er war mit einer sehr blonden Kollegin verheiratet, sie hatten schon ihre Beziehungen zu den Amis und veranstalteten Feste oder dergleichen. Aber alles noch auf ziemlicher Armutsbasis.
Dann traf ich Ernst Kapusta, Kollege aus der Wiener Schauspielschule, der hatte bei seinen Verwandten einen Luftschutzkeller, in dem wir schlafen konnten. Kapusta wurde später ermordet, ich weiß nichts Näheres. Holzstämme zur Stützung der Kellerdecke. Wir überlegten, ob wir zusammen einen Sketch einstudieren sollten, den wir den Amis vorführen, die das Linzer Theater mit Beschlag belegt hatten. ‚So, this is Paris!’ hieß irgendeine Produktion, die sie selbst einstudierten. Ich persiflierte: „So, this is Linz!“ Wir landeten nicht mit unserem Sketch. Ich nahm auch Verbindung mit der Intendanz auf, sollte was vorsprechen. Und erlebte, was der menschliche Geist leisten kann, wenn er sich konzentriert: Die Texte ließen sich rekonstruieren; Peer Bille aus ‚Hokupokus’ von Curt Goetz, der Junge aus ‚Maria Magdalena’ und noch irgend etwas, weiß nicht mehr was, ich glaube Dupedat aus dem Shawschen ARZT AM SCHEIDEWEG. Dann kams ganz anders. Morgen weiter.
Mandela, 6.7.2008
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Erinnerung 13 – Tingeln
Ich plauderte mit dem amerikanischen GI, der für Entertainment zuständig war, ein sehr sympathischer junger Jude, keinerlei Vorbehalte gegen den blonden jungen Deutschen. Da kam ein junger Mann auf mich zu: „Sie sind Schauspieler? Ich könnt Sie brauchen.“ Er hatte eine Show zusammengestellt und tingelte damit bei den Amis: einmal tanzende Berliner Geschwister, einmal singende oberösterreichische, die Scheibl-Sisters in weiten Gewändern aus Fallschirmseide, die eine war ein bisschen dicklich, – sie sangen zum größten Gaudi des Publikums auf die weltweit bekannt gewordene Melodie von ‚Lili Marleen’
O, Mr. Truman, why can’t we go home?
We have conquered Berlin
And we have conquered Rome.
We would like to fraternize,
But Mr. Ike (Eisenhower) says, that ain’t wise.
O, Mr. Truman, why can’t we go home?
Und ich annoncierte ihren Song ‘O, Lady, be good’ als Fraternisation-Song, eine oberösterreichische Trachtenfamilie samt Jodeleien, einen wunderbaren Akkordeonspieler, der auch ein großartiger Schlagzeuger war – der wurde eines Tages von einem Amy beschuldigt, irgendein Gerät, deren die Schlagzeuger ja viele haben, geklaut zu haben, keine ganz erquickliche Arbeit als Dolmetscher, ich weiß gar nicht mehr, wie es ausgegangen ist – einen weniger wunderbaren Komiker, der als Weib tanzte, einen Dr. jur. Humizian, der sehr gut Klavier spielte, ein Floor-Show-Tanzpaar alter Schule, La Mara and Rudé (Maria und Rudi aus Ostpreußen). Das wusste ich natürlich nicht im voraus. Der Mann, Köhler mit Namen, amerikanisiert: Keller – die Keller-Show -, lud mich ein, zu einer Vorstellung mitzukommen und mir das anzusehen. Ich leistete noch nichts, aber ich bekam schon Ami-Army-Essen und sagte: Ja, ja, ja! Wir waren irgendwo außerhalb von Linz, wohin ich gerne zurückwollte, aber die sagten, ich sollte nach Grieskirchen mitkommen, ich könnte im Waggon schlafen. Hm.
Ich schlief in einem alten polnischen Salonwagen auf einem Abstellgleis in Grieskirchen, wo sicher mal ein General gewaltet hatte. Da schliefen auch einige andere. Der Humizian war mit der attraktiveren Tänzerin liiert, die Wände waren dünn. Hm. Am nächsten Tag eröffnete mir Köhler/Keller, sie hätten heute eine Vorstellung im Linzer Stadttheater, da könnte ich gleich anfangen. Da kriegte ich natürlich einen ziemlichen Schreck, ließ mir aber nichts anmerken. Ich legte mir amerikanische Conferencen zurecht, klaute bei Werner Fink und vom US-Army-Sender („Early to bed and early to rise, makes your girlfriend go out with other guys), hatte ein Oberhemd aus Mailand bei mir, lieh mir eine Hose von Köhler/Keller, hatte Wehrmachtsturnschuhe an. So wurde ich Master of Ceremonies bei der Keller-Truppe. Keller war ein Angeber, aber zäher Organisator, hatte eine sehr nette Freundin.
So, Sir, ab vor den Vorhang! Und es klappte phantastisch! Ich hatte eingebaut, einmal nicht zum Ansagen rauszugehen, hatte das auch irgendwie begründet, da schrieen die meist behelmten Amis – ja, die saßen da im Theater und hatten fast alle ihren Helm auf -: „Pieder! Pieder!“ Mehr konnte ich mir für den Anfang nicht wünschen! Kaum anzunehmen, dass Keller nicht glücklich war. Wir kriegten kein Geld, auch Keller nicht, wir sammelten, wozu ich freundlich aufforderte. Und ich bekam einen solchen Haufen Zigaretten, dass ich mir bei dem Kostümbildner in Linz am nächsten Tag ein Paar Schuhe eintauschte. Der war Raucher.
Grieskirchen ist tiefste österreichische Provinz, spießig, Keller wollte mir ein Quartier bei einer Soldatenwitwe verschaffen und deutete an, dass die Bettbesuch haben wollte, was, wie man sich denken kann, nicht unbedingt meinem Naturell entsprach. Ich zog da nicht ein. Der Waggon war in der Sommerhitze schrecklich heiß. Irgendwo gabs einen Dachboden als Quartier für einige von der Kabarett-Truppe. Da tauchten zwei Mädchen auf, ehemalige Wehrmachtshelferinnen, die kannten mich von unserem Kabarett in Bayern, ganz schöner Zufall. Die eine angelte sich den Komiker, die andere wollte mich angeln, aber ich biss natürlich wieder nicht an, sie war tiefste österreichische Provinz. Aber wir knutschten. Wieso eigentlich? Ziemlich schlimme Erinnerungen, kann mich da gar nicht leiden. Einmal rutschte ich auch ins Bett von La Mara, einer abgetakelten Blondine, nett eigentlich und gut. (Ich habe irgendwo gestanden, dass ich in meinem Leben drei Frauen hatte: dies war die zweite.) Ein One-night-stand, würde ich gerne streichen, geht aber nicht. Sie probierte es später noch mal in Wien, aber ich war nicht mehr zu sprechen. Ja, ich war auch ein Ekel, nix edel…
Ich löste einen schrecklich schlecht englisch sprechenden Vorgänger ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er gut auf mich zu sprechen war. Aber in irgendeiner Amtsstube in Grieskirchen verhalf er mir zu einem österreichischen Personalausweis, was mir natürlich das Leben erleichterte. In Wien wollte ich ihn dann abgeben, aber mein Vater war strikt dagegen. Ich fühlte mich mit dieser falschen Identität nicht wohl. Preußischer Steinbock! Mein Ausweis-Wohltäter verschwand dann eines Tages, keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Er war kein sehr angenehmer Zeitgenosse.
So tingelten wir durch Oberösterreich, fast täglich woandershin, im Bus der Trachtengruppe, ein Familienverein, bekamen Ami-Essen – das tat denen nicht weh, aber uns gut. Manchmal wurden wir zum Essen auf verschiedene Einheiten aufgeteilt; hinterher tauschten wir uns aus, obs denn a scheene Leich gewesen war. Das hieß, ob wir denn gutes Essen bekommen hatten. Unvergessen, wie wir in einen Raum geführt wurden, da war schon für uns gedeckt, volle Zuckerschalen. Davon schnappte sich La Mara eine und schüttete den Zucker in eine mitgebrachte Tüte und präsentierte die leere Schüssel dem uns bedienenden wieder reinkommenden Ami. Der füllte sie etwas verwundert wieder auf. Wem kommt denn das verrückt vor? Hunger ist ein schreckliches Gefühl (es leiden darunter noch immer sehr viele Menschen auf der Welt). Natürlich gabs Zucker, auf Karten und viel zu wenig. Es gab Butter, aber viel zu wenig, desgleichen Brot.
Satyrsp.: Eines Tages spielten wir in der Kaserne in Enns, in der ich zum Kraftfahrer ausgebildet worden war. Dort waren nun Ami-Soldaten stationiert. Dort holte ich mir mein Essen für die Master-of-Ceremony-Tätigkeit, ein freier Mann unter lauter Soldaten, war schon ein leise triumphales Gefühl.
Eines Tages setzten wir auf einer Fähre über die Donau, nein, nicht zu den Russen, weiter donauaufwärts. Und auf der Fähre stand der Herr Sporer, mein Hauptmann in Jugoslawien, war ein schönes Gefühl der Überlegenheit. Was mag er gedacht haben, als er mich da unter so vielen schönen Mädchen sah?
Mandela, 6.7.2008
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Erinnerung 14 – Die Eltern leben
Die Tingelei führte eines Tages nach Salzburg ins dortige Landestheater. Beim Bühneneingang klemmte ein Brief an mich, Handschrift meines Vaters oder meiner Mutter. Aus Wien. Sie waren also am Leben, hatten irgendwas gehört, dass ich was mit Salzburg zu tun hatte, eine wunderbare Nachricht. Ich antwortete natürlich. Gabs denn schon Post?
Nun war ich natürlich scharf darauf, nach Wien zu kommen, aber da war die Grenze an der Enns, und jenseits begann die russische Zone, übrigens auch in Linz, jenseits der Donau. Da plante Keller, mit seinem ollen Wanderer-Auto nach Wien zu fahren, um dortige Einsätze seiner Truppe auszukundschaften. Ich fragte ihn, ob er mich nicht eventuell als Dolmetscher brauchen könnte. Er sagte „Ja.“ Aber wie wollte er diese Fahrt denn organisieren? Er organisierte, sehr kühn, wir hätten in Sibirien landen können. Aber wir landeten in Wien. Zunächst über die Donau auf einer Fähre, von der amerikanischen in die sowjetisch besetzte Zone Österreichs. Der kontrollierende Ami schaute sich unsere Papiere an und meinte, damit würden wir drüben nicht weiterkommen. Wir kamen weiter, weiß nicht im Geringsten wieso. Wir waren in der sowjetisch besetzten Zone und fuhren Richtung Wien…
Da kurvte der Fahrer – es saßen im Auto noch Kellers Freundin und der Dr. Humitzian, der übrigens mit Kellers Einverständnis in Wien bei seiner Frau blieb, ade, schöner sinnlicher Tänzerinnen-Körper,– in ein kleines Wäldchen. Der Fahrer oder Keller zogen die Schablone eines Ami-Sterns und weiße Farbe aus der Tasche und pinselten auf die vorderen Kotflügel den weißen Ami-Stern. Dann ging die Fahrt weiter. Jeder Ort war militärisch mit einer Schranke abgesperrt. Als wir uns der ersten Schranke näherten, erklang ein ziemlich durchdringender Sirenenton. Hatten sie in den Wanderer eingebaut. Prompt ging die Schranke auf, und der russische Posten salutierte. Beim Ortsausgang dasselbe Spiel, bei weiteren Ortsdurchfahrten immer dasselbe Spiel, das phantastisch funktionierte: Schranke hoch, salutierender Soldat. Keller soll leben! Aber: wie leicht hätten wir, wie gesagt, in Sibirien landen können! Angst, wie wir denn wieder auf die andere Donauseite kommen sollten, Angst, welche Sperren uns bei der Einfahrt in Wien erwarteten… Unbegründet. Keller holte noch ein Ami-Käppi aus der Tasche, das er aufsetzte, und zog einen Ami-Anorak an, unter dem sein graues Ziviljackett vorguckte. So setzten wir auf einer Fähre über die Donau zurück. Keller stieg sogar aus und präsentierte sich in diesem Aufzug. Einfahrt in Wien völlig problemlos. Plötzlich waren wir in Hitzing, war, glaube ich, amerikanischer Sektor. Und dann war ich im zweiten Hof des Hochhauses in der Herrengasse. 7.7.1945.
Mandela, 7.7.2008
(schöne Koinzidenz zur Wohnung im Hochhaus.)
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