Peter Podehl

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Die Geschichte eines Bleistifts

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Fernsehfilm für Kinder
von
Peter Podehl
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von Claudia gesprochener Kommentar zum Film

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Claudia kommentiert unten ⬇️
Lest erstmal den Kinderstimmenkommentar zur Geschichte:

Guten Tag, liebe Fernsehzuschauer!

In solchen Paketen kommt mein hölzerner Teil aus Amerika, von der roten Zeder im schönen Kalifornien. Aber das Holz ist nur ein Mantel, eine Hülle für die zerbrechliche Mine, die ja das eigentliche Schreibgeschäft besorgt. Sie wird nicht aus Blei, sondern aus Graphit und Ton zusammengebraut in riesigen Rührwerken und Trommeln, die in dunkelschwarzen Kellern stehen. Die Mine wird gepresst, gebrannt, gehärtet, geschnitten und …

Oh, da fällt mir ein, dass Sie ja gar nicht wissen, wer hier eigentlich spricht. Es ist aber auch eine sehr außergewöhnliche Begebenheit: Man hat mein Leben, das Leben eines ganz gewöhnlichen Bleistifts für wert und würdig befunden, dass ich es Ihnen erzähle.

Über mein Vorleben kann ich natürlich nur als vom Hörensagen berichten. Von der Bleistiftstraße, wo aus Mine und Holzmantel der fertige Bleistift wird, vom Spitzen und davon, dass ein Radiergummi wie ein Krönchen auf mein oberes Ende gesetzt wird. Aber lassen wir doch Bleistiftstraße und Maschinen ihr eigenes Lied singen.

Aus der Fabrik kam ich über den Großhandel zum Handel, will sagen: in ein kleines Papierwarengeschäft. Dort lag ich lange Zeit im Schaufenster, mit anderen Stiften fächerförmig ausgebreitet.

Eines Tages nun kam Georg in den Laden und verlangte einen Bleistift. Aber nicht irgendeinen, sondern einen mit Radiergummi, wie er im Schaufenster lag. Kurz gesagt: er wollte mich. Denn ich war an jenem Tag der einzige gekrönte Bleistift im Laden. Neue sollten erst in der nächsten Woche reinkommen.

Nun begann für mich endlich das nützliche Leben. In einer Schulklasse. In Georgs Fingern kämpften wir gemeinsam gegen die Tücken der deutschen Orthografie. Da gab es zum Beispiel das einfache I, das I-E, und dann gab es, wenn es etwa hieß “sie sieht”, noch ein H zum Dehnen des ohnehin schon gedehnten I.

Und dann lernte ich auch das Angespitztwerden von Menschenfingern kennen. Eine sehr unangenehme Prozedur, so von Georgs Messer geschabt zu werden. Am besten lässt es sich im menschlichen Bezirk mit dem Haareschneiden vergleichen: gewiss nicht angenehm, aber hinterher sieht man wie neugeboren aus.

Ja, und dann kam die Geschichte, wie ich unfreiwillig Bekanntschaft schloss, mit einem Käsebrot, das Georg nicht essen wollte in der Pause.

Um das Ende dieses Käse-Abenteuers zu verstehen, muss man nämlich wissen, dass Georg das Brot nach der Pause halb eingewickelt in den Schulranzen gesteckt hatte. Dazu bei Schulschluss mich hinterher. Und dann hat er auf dem Nachhauseweg mit seinem Freund Lokomotive und Zusammenstoßen gespielt. Da kann ja nun die Bescherung nicht ausbleiben.

Chester, oder wie immer der Käse heißen mochte, klebte an Heften und Büchern, und ich lag wie eine Sardelle quer über dem Brot. Es war dem guten Georg kaum zu verdenken, dass er mich nach einer kurzen Riechprobe nicht mehr haben wollte, wenngleich der Abschied mir auch ein wenig schwerfiel.

Natürlich fand man mich beim nächsten Saubermachen und ich geriet in die Küche in den Abwasch. Endlich wurde ich von Käseresten und -gerüchen befreit und mit Löffeln, Messern und Gabeln in einen Topf geworfen. Ein Weile kugelte ich an den verschiedensten Plätzen in der Wohnung herum, bis eines Tages ein neues Amt auf mich wartete.

Der größere Sohn des Hauses telefonierte mit einem Klassenkameraden. Er war bei den Schularbeiten mit der Geometrie, mit einem Achteck nicht ganz zurecht gekommen, hatte bei Wurzel aus A-Quadrat minus A-Quadrat Viertel herausbekommen A-Viertel mal Wurzel aus drei oder – oder umgekehrt A-Drittel mal Wurzel aus vier. So genau kann das ein einfacher sechseckiger Bleistift wie ich nicht im Gedächtnis behalten. Jedenfalls wars falsch und der andere hatte es richtig. Und ich wurde benutzt, um die Sache zu korrigieren.

Da der Ruf nach einem Bleistift beim Telefonapparat schon oft in der Familie erklungen war, wurde ich nun vom Sohn des Hauses dazu ausersehen, diesen Telefondienst für ständig zu übernehmen. Zu diesem Zweck musste ich mir eine Operation mit einem erschreckend scheußlichen, großen Messer gefallen lassen. Ich bekam oben gleich unter dem Krönchen eine Kerbe, die mein Aussehen grundlegend veränderte, nicht gerade zu meinem Vorteil, wie ich hinzufügen muss. Um diese Kerbe wurde eine Schnur geknotet und deren anderes Ende sodann mit einem Notizblock verbunden.

Da lag ich nun in meiner neuen Würde, bereit, alles wichtige, was es so beim Telefonieren festzuhalten gäbe, zu notieren.

Als erstes erschien eine Dame am Apparat. Nachdem sie eine Nummer gewählt hatte, entdeckte sie mich. Und ich kann nur sagen, dass sie mein Vorhandensein mit vielen wohlwollenden Worten als durchaus begrüßenswert und längst fällig gewesene Neuheit zur Kenntnis nahm.

Ein leiser Käsegeruch musste mir wohl doch noch immer anhaften. Die Dame roch jedenfalls gelegentlich an mir herum. Und das führte zu den unsinnigsten Missverständnissen mit der anderen Dame, mit der sie telefonierte.

Und dann wurde ich benutzt, aber nicht etwa zum Notieren wichtiger Dinge, man benutzte mich für Krikelkrakeleien, zur Herstellung fantastisch monströser Gebilde, Männchens, Blumen, lauter Phantasie mit Schneegestöber. Das einzige Wort, das ich am Schluss zu schreiben hatte, konnte nicht anders lauten als “Quatsch”.

Nun ich tröstete mich damit, dass ich bei Männergesprächen wohl zu ernsthafterer Beschäftigung herangezogen würde. Aber der Herr des Hauses war, oh Schreck, mindestens genauso kindisch verspielt wie die Dame. Er redete zwar von Steuern, Krediten und Saldo, aber dabei füllte er die Kästchen auf dem Notizblock aus, was mit seinem Gespräch nicht das geringste zu tun hatte.

Oh, es war ein recht bewegtes Stück Leben, das ich da am Telefonapparat verbrachte. Ich musste mir aber auch gefallen lassen, dass man mich gelegentlich einfach verwarf. Zum Ausfüllen eines Lottoscheins war ich beispielsweise als nicht dokumentenecht völlig ungeeignet.

oHingegen eignete ich mich vorzüglich und wurde immer dann hinzugezogen, wenn es darum ging, etwas aufzuschreiben, was man hinterher wieder ausradieren und verbessern konnte. Zum Beispiel der berühmte Posten “Sonstiges” im Wirtschaftsbuch der Familie.

Da wurden mit jenem neuen Modegerät namens Kugelschreiber die Summen für Rosinen, Schuster und Margarine auf Heller und Pfennig genau hingeschrieben. Auch zum Schreiben des Wortes “Sonstiges” wurde noch der Kugelschrieber benutzt, aber für den Betrag selbst kam ich an die Reihe, dann mein Radiergummi im Krönchen, dann wieder die Mine.

Genauso wars bei der Steuererklärung. Oh, das war immer ein Gestöhne und Gejammere. Da hieß es zum Beispiel: Sie dürfen den Freibetrag – Zeile 61 des Rahmenvordruckes ESt 1 A – nur in Anspruch nehmen, wenn die Einkünfte aus der freien Berufstätigkeit höher sind als die gesamten Einkünfte. .. Moment, nochmal: Freibetrag – Zeile 61 – ESt 1 A – nur in Anspruch Einkünfte höher – gesamten Einkünfte. Aha.

Wenn das halbwegs klar war, wurde der Kugelschreiber stets weggelegt und man erinnerte sich meiner Wenigkeit am Telefon. Eine Steuererklärung, so lautet der Grundsatz, füllt man zunächst einmal mit dem radierbaren Bleistift aus, auch wenn der daran befestigte Block noch so hinderlich sein sollte. Und hier war es umgekehrt als beim Wirtschaftsbuch. Dort radierte man die Summe unter “Sonstiges” aus, um sie zu erhöhen. Hier wurde die Summe unter “Einkünfte” stets ausradiert, um sie herabzusetzen.

Eines Tages diente ich auch wieder dem Sohn des Hauses, als er seine Kompositionen aufs Notenpapier warf. Ich schrieb D und F, Kreuz und Be. Aber ausgerechnet derjenige, der mich seinerzeit so gefesselt hatte, riss mich, weil der Block ihn beim Niederschreiben des hohen Cs hinderte, auch wieder von meinem Notizgefährten ab.

Und am Telefon hörte man dann gelegentlich jemanden schimpfen, es sei wieder nichts zum Schreiben da, ob denn jemand in der Familie Bleistifte verspeise.

Dann kam der Kindergeburtstag mit dem lustigen Schreibespiel.

Es gab ein Riesengelächter, als die Sätze vorgelesen wurden, deren einzelne Worte ja von den verschiedenen Kinderfingern hingeschrieben worden waren. Einer hieß: “Lehrer Schulze rast mondsüchtig im Strohhalm”, und ein anderer: “Familie Schölermann boxt doof im Nebel”

Dann wurde die Geburtstagstafel aufgehoben, getreu dem Grundsatz, dass man immer dann aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Die Gäste gingen nach Hause und es wurde sofort ein wenig Ordnung gemacht. Ich wurde dabei übersehen. Und so kam es, dass ich die Familie, unter deren Dach ich so lange Zeit zugebracht hatte, für immer verließ und an denkbar verrücktesten Menschen geriet, dem ich ein meinem Leben begegnet bin: an einen Dichter.

Er dichtete bäuchlings auf einer Parkbank liegend, unbekümmert um Passanten und Umstände. Was er dichtete, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich nur noch an die Zeilen:

Ein Molekül
geht im Gewühl
auf und ab.
Indes ein Atom
vom Element Brom
Lichtzeichen gab.

Er war ein so großer Dichter, dass er sich mit der Niederschrift seines Gesichts zufrieden gab. Er zeigte es niemandem, versuchte auch nicht, es drucken zu lassen. Er vernichtete es wieder. Niemand erfuhr jemals von diesen Zeilen. Sie blieben sein Geheimnis. Und meines.

Aus den poetischsten Gefilden geriet ich ohne Übergang in die prosaischste Umgebung, die sich nur denken lässt, in der ich gleichwohl als Bleistift durchaus nicht fehl am Platze war: in ein Büro. Eine Sekretärin konnte es mit ihrer Gewissenhaftigkeit nicht vereinen, ein Schreibgerät auf einer Bank im Park herrenlos herumliegen zu lassen.

Natürlich wurde ich hier erst einmal wieder geschabt und somit verschönt. Das hatte ich auch dringend nötig, denn ich wurde dann in eine Federschale gelegt, sehr ordentlich in eine Reihe mit lauter hochfeinen, wohlgeschabten Kollegen. Keiner von ihnen hatte eine Kerbe im Leib, an keinem hatten die Milchzähne eifriger ABC-Schüler geknabbert. Ich war ein bisschen der arme Vetter.

Trotzdem blieb die Sekretärin so gerecht, auch mich gelegentlich zu benützen. Nun hatte ich nach Männchens, Zahlen und Reimen auch Stenografie zu malen.

Lag ich dann wieder in der Schale bei meinen feinen Brüdern, dann musste ich aus meinem Leben erzählen. Keiner von ihnen hatte sich den Wind der freien Welt um die Nase wehen lassen, immer hatten sie nur Büroluft geatmet. Sie wussten nichts von Schaufenstern, Schulklassen, Dichtern oder gar Käsebroten.

Nachdem ich wohl sämtliche Arbeiten, die es in einem Büro zu tun gab, absolviert hatte, hielt das Schicksal einen neuen Wechsel der Lebensumstände für mich bereit.

Die Sekretärin hatte sich um die Nachmittagsstunde, wo die geistigen Kräfte nachzulassen beginnen, einen Kaffe bestellt aus der Gastwirtschaft um die Ecke. Als der Kellner zum Schreiben der Rechnung den gewohnten Griff hinters Ohr tat, vermisste er seinen Bleistift. Er bat, einen Stift aus der Schale benützen zu dürfen. Bescheiden wie er war, nahm er den unscheinbarsten, nämlich mich. Wiederum ganz gewohnheitsgemäß und ohne die leiseste diebische Absicht steckte er mich dann hinter das Ohr. Und so verließ ich in luftiger Höhe das Büro auf Nimmerwiedersehen.

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Der Kommentar endet hier. Ich habe diese 14 zum Teil zerschnittenen und wieder zusammengeklebten Schreibmaschinenseiten mit den von Hand sehr präzise und gut lesbaren Korrekturen eher zufällig beim Stöbern in Peter Podehls Archiv gefunden. Ich kann mich an die Aufnahmen im Tonstudio erinnern, die mich sehr viel Mühe gekostet haben. Nun kommen alle Bilder und Szenen wieder hoch. Es war nur einfach unsere Familie in der Aretinstraße in München. Georg war mein Spielkamerad aus dem Nachbarhaus, zusammen mit seiner Schwester Marianne. Auch der Schreibwarenladen war bei uns in der Nähe, er hatte einen Geruch von Papier und Graphit. Der Komponist am Klavier ist selbstverständlich Thomas, die am Telefon – so einem ganz alten, schwarzen, mit Wählscheibe – schwätzende Dame war Charlotte, und einen an einem Schreibblock festgebundenen Bleistift hatten wir auch. Er war der einzige immer auffindbare, da man den so einfach nicht mitnehmen und irgendwo vergessen konnte.
Ich weiß allerdings nicht, ob der Film dann mit diesem von mir gelesenen Kommentar fertig gestellt wurde. Und auch nicht, wie die Geschichte endet.

Vielleicht werden wir ja doch eines Tages diese alten kleinen Filme noch einmal aus den Archiven der Fernsehsender ausbuddeln können?

© Claudia Podehl